
Ich blogge und publiziere seit über siebzehn Jahren. Doch für wen eigentlich? Der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree hat in seinem neuen Buch „Die Vermessung der digitalen Welt“ nachgezählt: 17,7 Millionen registrierte .de-Domains stehen im Register. 99,6 Prozent davon hatten im Messzeitraum exakt null Traffic. Nicht wenig. Gar keinen.
Das Bild dazu sitzt: eine Metropole mit Millionen Gebäuden, fast alle vernagelt, Schaufenster blind — und die gesamte Bevölkerung drängt sich auf drei, vier Plätzen. Technisch erreichbar zu sein heißt eben nicht, wahrgenommen zu werden, gelesen zu werden, publizistisch zu existieren. Wer veröffentlicht und sendet, aber niemanden erreicht, ist im Netz nicht vorhanden. Wir – Lars und ich – sprechen bei #9vor9 nach einer längeren Sommerpause über Buch und Thema.
Die Macht der Plattformen: Wem gehört das Internet? – #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche
Endlich gemessen statt abgefragt
Was ist das Besondere an der Vermessung? Die meisten Studien arbeiten mit Befragungen. Menschen füllen Fragebögen aus, in denen sie angeben, was sie tun. Andree hat wirklich gemessen, was sie tun. Im dritten Quartal 2025 lief bei rund 8.000 repräsentativ ausgewählten Personen eine GfK-Software direkt auf den Geräten. Sie protokolliert, welche Domain aufgerufen wird und wie lange jemand dort verweilt.
Besonders bemerkenswert: Die Daten der Vermessung stehen auf der Begleitseite zum Buch online, samt Aktualisierungen und Korrekturen. Wer die Konzentration im Netz messen will, muss laufend nachmessen — gerade bei den KI-Diensten verschieben sich die Anteile im Quartalstakt.
Die gewonnenen Zahlen räumen mit dem Rest der Netz-Romantik auf. Die Top 500 Angebote bündeln 86 Prozent der Aufmerksamkeit. Zehn Angebote fressen über 61 Prozent der digitalen Zeit, YouTube allein fast zwanzig. Ich muss an meinen Freund Jannis denken. Auf die Frage, worauf er im Netz am wenigsten verzichten könne, hatte er eine klare Antwort: YouTube. Dort finde man quasi alles, von der handwerklichen Anleitung bis zu TED-Vorträgen.
Meta und Alphabet – der Google-Konzern – kontrollieren zusammen rund 40 Prozent der Zeit, die wir online verbringen. Die Ungleichheit misst Andree mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten, dem Werkzeug der Volkswirte: 0 heißt Gleichverteilung, 1 heißt totale Konzentration. Die deutsche Online-Nutzungszeit verteilt sich mit einem Gini von 0,987, nicht auf Millionen Webseiten, sondern auf eine Handvoll Konzerne. Google, YouTube, Facebook, Instagram, WhatsApp. Bei diesem Wert redet kein Ökonom mehr von einem Markt. Der ursprüngliche dezentrale Gedanke des Internets ist nicht geschwächt. Er ist tot.
Der Installateur, den niemand mehr findet
Mein Wasserhahn tropft. Früher tippte ich das bei Google ein, landete auf der Seite eines Installateurs aus dem Odenwald, las seine Anleitung, sah seine Telefonnummer. Vielleicht rief ich an. Heute steht die Antwort direkt KI-generiert über den Suchergebnissen. Dichtung wechseln, Schritt eins bis vier, fertig. Der Installateur hat die Anleitung geschrieben. Besucht hat ihn niemand, und von Google hat er nichts, rein gar nichts dafür bekommen.
Die Sekunden, die Aufmerksamkeit, die er verliert, gewinnt Google. Die monatliche Nutzungszeit dort hat sich von 58 Minuten auf fast drei Stunden verdreifacht. Google ist nicht mehr das Tor zum World Wide Web. Der Konzern hat die traditionelle Google-Suche zum Aufenthaltsraum umgebaut, in dem die Leute bleiben.
Andree nennt das Ergebnis den Zero-Click-Tod. Die Arbeit von Handwerkern, Journalisten und Wissenschaftlern wird als kostenloser Rohstoff abgesaugt, der Besucher kommt nie bei ihnen an. Beim Spiegel lässt sich das im Ranking ablesen: von Platz 46 auf 99. ChatGPT und die anderen Textmaschinen binden inzwischen 77 Prozent der KI-Nutzungsdauer.
Und (fast) alle machen mit, weil es so bequem ist. Niemand klickt sich gern durch fünf Seiten, weg mit dem Cookie-Banner, weiter zum nächsten Tab, zurück, noch mal von vorn. Die eine fertige Antwort ist bequemer, und Bequemlichkeit gewinnt jeden Streit gegen vermeintliche Prinzipien. Es ist ein Spiegelbild menschlicher Psychologie. In dieser überkomplexen Welt suchen die Menschen nach Komfort, nach dem einen Aggregator. Das ist eine Realität, die man durch bloße Gesetze kaum umkehren kann. Die leeren Häuser stehen leer, weil niemand mehr Lust hat, von Tür zu Tür zu gehen. Und die Mehrzahl der Nutzer schert das alles ganz offensichtlich einen …
Ähnlich perfide wie Google geht Amazon vor und punktet mit Auswahl, Zuverlässigkeit und Komfort: Aber rund 30 Prozent aller Hersteller auf dem Marktplatz verdienen dort kein Geld mehr. Die Plattformgebühren fressen die Marge — ein Wegezoll, wie ihn im Mittelalter der Landesherr an der Brücke kassierte. Gleichzeitig analysiert Amazon die Daten seiner Partner und sieht, welches Ladekabel läuft, und ersetzt es, schwups, durch eines von über 140 Eigenmarken. Den Algorithmus, der die Eigenmarke nach oben sortiert, kontrolliert der Konzern gleich mit. Erst kommt die Bequemlichkeit, dann verhungern die Produzenten, Amazon kassiert. Bezos mietet halb Venedig für seine Hochzeit.
Empörung ist das Geschäftsmodell
Andree bleibt nicht bei der Ökonomie stehen. Sein Befund heißt Digitalokratie: wirtschaftliche und politische Macht verklumpen. Algorithmen haben kein Gewissen, sie haben ein Ziel — Verweildauer. Verweildauer entsteht durch Wut, Empörung, Angst. Die Plattformen inszenieren sich ja gerne als Verteidiger der Meinungsfreiheit, aber eigentlich geht es um Verweildauer.
Also belohnen die Algorithmen Hetze und Polarisierung mit Sichtbarkeit und machen den differenzierten Gedanken unsichtbar. Der bringt weniger Klicks, oft gar keine. Die verständigungsorientierte Mitte wird einfach zum Verstummen gebracht. Die Allianzen zwischen Tech-Milliardären und populistischen Bewegungen prangert Andree offen an, in den USA wie hierzulande.
Wenn ich Drogen im Regal habe, steht morgen die Polizei im Laden
Stellen wir uns vor, ich betreibe einen Supermarkt und lege zwischen Cornflakes und Kaffee ein paar Tüten Kokain ins Regal. Am nächsten Tag steht die Polizei im Laden und nimmt mich fest. Niemand akzeptiert die Ausrede, ich hätte das Zeug ja nicht selbst hergestellt, ich hätte es nur ins Regal gestellt. Verbreiten reicht — ich wäre damit ein krimineller Dealer.
Auf Plattformen gilt diese Regel nicht. Dort laufen Volksverhetzung, Verleumdung und Betrug durch den Feed, und die Betreiber wehren sich mit Händen und Füßen und vielen Anwälten gegen jede Haftung. Ein Verlag haftet für seine Titelseite, ein Sender für sein Programm — nur Meta stellt angeblich weiterhin bloß eine Plattform zur Verfügung. Wer auswählt, gewichtet und Millionen Menschen in den Feed drückt, transportiert nicht mehr nur. Er ist verantwortlich. Dass es anders geht, hat die Musikindustrie vorgemacht. Beim Urheberrecht haften die Plattformen längst für hochgeladene Inhalte.
Plattformen wehren sich gegen Strafen – und Trump steht hinter ihnen
Nicht so bei den genannten „Inhalten“. Die Konzerne wehren sich bisher erfolgreich, und die EU setzt Strafen nicht durch oder verhängt sie nicht — aus Angst vor dem Zoll-Hammer eines Donald Trump, der seine Buddies schützt. Schließlich finanzieren die ihm den Wahlkampf. Dabei könnte die Strafe weh tun. Der Digital Services Act erlaubt bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Solange Brüssel diese Spanne nicht ausschöpft, bleibt jedes Bußgeld eine Betriebsausgabe, die im Quartalsbericht der Konzerne untergeht.
Andree nennt weitere Hebel, an denen man ansetzen könnte und müsste. Offene Standards und Interoperabilität — so wie ich vom kleinen regionalen Mailanbieter aus problemlos an eine Gmail-Adresse schreibe. Die Outlink-Flucht: Plattformen dürfen externe Links nicht länger algorithmisch abstrafen. Und die Trennung von Infrastruktur und Inhalten, wie damals bei der Telekom. Das Netz war Infrastruktur, das Telefonieren der Dienst, und der Monopolist musste für Arcor und Alice öffnen. Warum soll für Meta etwas anderes gelten?
Wir könnten Monopole viel stärker regulieren, wir haben mit DMA und DSA sogar schon erste Werkzeuge. Die Ohnmacht und Angst vor Trump, die wir spüren, ist kein Naturgesetz, sondern ein Lobbyerfolg. Also schreibe ich und podcasten wir weiter in unserem leeren Haus, auf unseren Seiten, die kaum jemand findet, liest oder hört. Wie gerne hätten wir die Straße zurück, die zu unseren Häusern führt.
Quellen & Leseempfehlungen
- Martin Andree: Die Vermessung der digitalen Welt (2026)
- Begleitseite zum Buch — laufende Updates und Korrekturen der Daten
- Martin Andree / Timo Thomsen: Atlas der digitalen Welt — die Vorgängerstudie
- Martin Andree Home Page
Zur Ergänzung die Präsentation
Wir haben unseren Podcast wieder mit Google Gemini Notebook vorbereitet. Auf Basis dieses Textes hat die KI die unten angezeigte Präsentation erstellt.


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