
Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war und ist eine Katastrophe. Wie können rund 44 Prozent der Wählerinnen und Wähler eine gesichert rechtsextreme Partei wählen – und das in Deutschland? Es ist eine Schande. Doch darüber haben Lars und ich nicht bei #9vor9 gesprochen. Darüber schreibe ich an anderer Stelle hier im Blog. Wir haben über politische Kommunikation und Sprache diskutiert. Anlass war die Sprache und das Verhalten der Vertreter der „Altparteien“ am Wahlabend.
Die Sprache der Politik: Viel Reden, wenig Überzeugen – #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche
Und die hörten sich auch wirklich alt an diesem Abend an. Was kam von den Vertretern der demokratischen Mitte? „Es war ein engagierter Wahlkampf.“ „Wir haben ein stabiles Ergebnis erreicht.“ „Danke an all die Helferinnen und Helfer.“ „Wir werden das morgen in den Parteigremien kritisch besprechen.“ Robert Pausch hat das in der ZEIT unter der Überschrift „Wenn das die Mitte ist, dann gute Nacht“ auseinandergenommen.
Man weiß vorher, was sie sagen werden
Man weiß im Vorhinein, was sie sagen werden. Immer wieder die gleichen Sprüche, die niemand mehr hören will. Man muss den Fernseher gar nicht mehr anmachen. Das ist der eigentliche Skandal des Abends. Nicht nur, dass eine rechtsextreme Partei ein Bundesland übernimmt. Sondern dass diejenigen, die sie stoppen sollen, in diesem Moment nichts Besseres zu tun haben, als ihre Textbausteine abzuspulen. Wer so redet, hat den Ernst der Lage nicht begriffen – oder er hat ihn begriffen und kann es einfach nicht anders.
Ich fürchte, es ist das Zweite, und das macht es schlimmer. Lars meint, das sei vor allem Gewohnheit: Die stünden dort in einer Rolle, das hätten sie tausendmal gemacht, und dann machten sie es halt wieder. Dass sich Felix Banaszak über den Einzug in den Landtag freut, könne er verstehen. Ich sehe das anders, und ich bleibe dabei: In dieser Situation darf nicht Erleichterung die erste Regung sein.
An diesem Abend hätte man Emotion und Empathie gebraucht, ehrlich geäußerte Betroffenheit über die Katastrophe. Pausch bringt es in seinem Beitrag auf den Punkt: In Sachsen-Anhalt und in der ganzen Republik sitzen Leute, die von dem Wahlergebnis extrem getroffen sind. Viele haben Angst vor Gewalt und Schlägern, fürchten um ihre Existenz oder davor, abgeschoben zu werden. Keiner der Politikerinnen und Politiker (oder deren so professionelle Redenschreiber) ist auf die Idee gekommen, diese Leute direkt anzusprechen. „Wir verstehen Eure Sorgen.“ „Wir sind bei Euch.“ „Wir werden für Euch kämpfen.“ „Ich bin genauso schockiert, wie ihr es seid.“
Lars trifft es: Die Floskeln sind kein Ausrutscher, sie sind antrainiert – oft sogar bis in die Kommunalpolitik hinein. Wenn ich manchen Bürgermeister oder Dezernenten höre, dann reden die schon genau wie ein Klingbeil oder ein Merz. Wer fünf Termine am Abend abklappern muss, greift zum immer selben Baustein. Das erklärt es – manchmal. Entschuldigt es nicht. Denn während die Mitte ihre Bausteine sortiert, steht die AfD auf den Volksfesten, baut Hüpfburgen auf, heuchelt gute Laune und verspricht ein Zurück in die gute alte Zeit.
Merz redet nicht mit den Leuten, sondern zu ihnen
Die Kommunikation und Sprache der etablierten Politikerinnen und Politiker wirkt weit entfernt und von oben herab. An Friedrich Merz zeigt sich das am besten, auch wenn er sicher nicht der Einzige ist. Stadtbild-Diskussion, Nutznießer-Debatte, das Abkanzeln einer Ärztin in einer Fernsehrunde: Er kommuniziert belehrend, schulmeisterhaft. Er redet nicht mit den Leuten, er redet zu ihnen oder über sie.
Ich habe im Podcast gesagt, da stehe für mich ein Vorstandssprecher – aber einer von 1980, nicht von 2026, mit einem Wirtschaftsmanager-Sprech, den er sich angewöhnt hat und von dem er nicht wegkommt. Lars hat mir zu Recht entgegengehalten, dass Arroganz allein das Problem nicht sein kann: Alice Weidel behandele Journalistinnen und Journalisten mindestens so herablassend. Der Unterschied ist aber die Richtung. Weidels Verachtung zielt nach oben, auf Institutionen, und ihr Publikum steht neben ihr. Merz‘ Herablassung zielt nach unten, und sein Publikum steht darunter. Dass er nun ankündigt, „emotionaler“ reden zu wollen, ist kein Fortschritt, sondern ein Missverständnis über sich selbst. Er spricht seit Jahren emotional. Nur eben gereizt, ungeduldig, gekränkt. Wer eine Ärztin derart abkanzelt, ist nicht unemotional. Er ist unerträglich.
Siegmunds blendende Laune ist eine Maske
Auf der anderen Seite steht mit Ulrich Siegmund ein Typus, den diese Partei bisher nicht hatte: der Coverboy mit dem Moped, blendende Laune auf den Volksfesten, früher war alles besser und wir holen das zurück. Feelgood-Populismus nennt der Politikberater Johannes Hillje das. Man muss das nicht verstehen, aber man sollte es zur Kenntnis nehmen: Es hat Zehntausende mobilisiert, die vorher nicht gewählt haben.
Die AfD hat eine Rollenverteilung perfektioniert – Weidel tritt nach oben, Chrupalla macht den Gemütlichen, Siegmund macht den Nachbarn. Dass alle drei sich immer wieder entlarven, scheint die Wählerinnen und Wähler der AfD offensichtlich nicht zu stören – siehe die aktuellen Äußerungen von Siegmund, dass man die Rüstungsgüter für die „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ benötige. Sein Coverboy-Image ist eine gut gespielte Maske. Dahinter verbirgt sich die wahre Fratze.
Und dann die Zahlen, die die Berater in der CDU-Zentrale aufhorchen lassen sollten: Der eigene Spitzenkandidat hat in den asozialen Medien mehr Beiträge veröffentlicht als Siegmund. Nur sind seine Reichweiten vierzigmal so hoch. Wer daraus ableitet, man müsse einfach mehr posten, hat den Kern verfehlt. Es geht auch dort darum, wie und was man postet, um die Leute vor Ort anzusprechen.
Warum der Erklärbär Habeck gescheitert ist
Bleibt eine Frage, die mich beschäftigt, ja quält: Gab es einen Gegenentwurf? Ja, vor zwei Jahren. Robert Habeck hat sich als Erklärbär positioniert, und es wurde honoriert – auch von politischen Gegnern, auch von Leuten aus der Wirtschaft, die sagten: Ich teile seine Meinung nicht, aber wir reden in einem vernünftigen Stil miteinander. Und er ist zu meinem eigenen Leidwesen krachend gescheitert.
Lars nennt zwei Gründe, die ich für richtig halte: die Grünen als Hassobjekt, gegen das kein Gesprächsangebot ankommt, und Habecks eigener Zugang. „Man musste ihm ja schon ein bisschen länger zuhören“, so Lars. Erklären ist eine Reaktion – doch man erklärt, wenn die Attacke schon läuft. Der Heizungshammer wurde schneller vom Springer-Verlag und der Gaslobby verbreitet als die 65-Prozent-Regel, und danach war jeder Satz nur noch Verteidigung.
Zudem müssen wir uns feststellen, dass Kommunikation à la Habeck bei Teilen der Bevölkerung einfach nicht ankommt. Sie scheinen nicht die sachliche Auseinandersetzung und Diskussion zu wollen, sondern bevorzugen emotionale Zuspitzung und die berühmten einfachen Wahrheiten, über deren Wahrheitsgehalt oder deren Möglichkeiten zur realen Umsetzung sie gar nicht nachdenken – wollen. Besonders bedenklich ist, dass vor allem Junge so handeln, wie uns die Wahlanalysen aus Sachsen-Anhalt suggerieren.
Was könnten die Lehren aus Habecks Scheitern sein? Weniger erklären, mehr den Bauch bedienen, mehr Haltung zeigen. Erklären kommt zu spät, wenn man den Rahmen nicht selbst gesetzt hat. Seine Haltung war richtig. Sein Handwerk war unvollständig. Er hat Fehler gemacht. Doch daraus zu schließen, komplexe Zusammenhänge seien dem Publikum nicht zumutbar, ist der falsche Schluss. Wir müssen uns der Komplexität stellen, auch wenn die anderen einfache Wahrheiten hinaus lügen. Und Demokratinnen und Demokraten dürfen, ja müssen emotional sein. Nur bitte keine billigen Kopien.
Offenbach: ehrlich sein und da sein
Kann es anders gehen? Ich habe in einem Artikel der FAZ einen alternativen Entwurf gefunden: in Offenbach – ausgerechnet bei der SPD, ausgerechnet in einer Stadt mit hohem Migrationsanteil und sozialen Brennpunkten. Felix Schwenke wurde 2023 im ersten Wahlgang mit 69,9 Prozent wiedergewählt, bei einer Wahlbeteiligung von allerdings nur 26,5 Prozent. Das gehört als Hintergrundinformation dazu.
Die Lehren dort: Er ist ehrlich, und er ist da. Schwenke geht in die Kneipen, auch in die, wo nicht seine Leute sitzen. Er hört zu. Und dann sagt er Sätze, die niemand hören will: Wir können uns kein Hallenbad leisten, wir müssen erst die Löcher in den Straßen sanieren. Das ist unbequem und funktioniert trotzdem, und wahrscheinlich nicht nur in Offenbach. Und natürlich darf man nicht nur mal vorbeikommen, wenn wieder eine Wahl ansteht, und sich sonst in Ausschusssitzungen verstecken. Sie müssen mehr Zeit vor Ort bei den Bürgern verbringen. Auch das kann man von der AfD lernen, die zumindest im Osten dauerpräsent zu sein scheint.
Noch ein Nebenbefund, der es in sich hat. Eine Studie der Universität Passau hat festgestellt, dass 948 Befragte die von einer KI erstellten Antworten auf Publikumsfragen authentischer, schlüssiger und relevanter fanden als die der Politiker. Das ist nicht amüsant, es ist ein weiteres Alarmsignal.
Das Gegenteil der Floskel ist Verbindlichkeit
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Doch statt sich entschieden neu auszurichten, vielleicht auch andere Personen an die Spitze zu stellen, wird von den bekannten Parteien schon erklärt, entschuldigt und relativiert. Lars bringt es auf den Punkt: Wenn die Politiker sich weiter in Floskeln ergehen und auf die nächste Wahl warten, dann wird auch die nächste Wahl so ausgehen wie die in Sachsen-Anhalt. „Und irgendwann gibt es dann kein Zurück mehr.“
Das Gegenteil der Floskel ist übrigens nicht die Zuspitzung oder das Kopieren der AfD. Das Gegenteil der Floskel ist Verbindlichkeit – ein Satz, für den man in sechs Monaten noch geradesteht. Lars hat es auf die kürzeste Formel gebracht: „Es ist auch Form, es ist nicht nur Inhalt.“ Ich ergänze: Die Form, die trägt, heißt Nachprüfbarkeit und Ergebnisse.
Quellen
- Robert Pausch: „Wenn das die Mitte ist, dann gute Nacht“, DIE ZEIT
- Johannes Hillje über die Kommunikationsstrategie der AfD, Tagesspiegel
- Potsdam Social Media Monitor: Reichweiten im Landtagswahlkampf 2026, Universität Potsdam
- Siegmund zur Rüstungsproduktion für die „Remigrations- und Abschiebeoffensive“, n-tv
- Wahlanalyse der Landtagswahl Sachsen-Anhalt, Konrad-Adenauer-Stiftung
- Merz räumt Fehler ein und will die Menschen „in ihrer ganzen Emotionalität“ erreichen, nachrichten.at
- Wie Felix Schwenke in Offenbach als SPD-Mann die AfD schlägt, FAZ
- Schwenke gewinnt die OB-Wahl im ersten Wahlgang, hessenschau
- Studie der Universität Passau: Künstliche Intelligenz überzeugt in politischen Debatten
- „Aufgeheizte Debatte?“ Analyse der Berichterstattung über das Heizungsgesetz, Das Progressive Zentrum


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