
Das Thema begleitet mich schon eine gefühlte Ewigkeit: die Abhängigkeit der deutschen Verwaltung und deutscher Unternehmen von Microsoft. Wir sind auf die Produkte von Microsoft angewiesen, auf Windows als Betriebssystem, auf das Office-Paket jetzt in den Abo-Versionen, die Microsoft pusht, und auch immer mehr auf die Cloud-Angebote aus Redmond.
Keine zwei Jahre digital überlebensfähig
Durch die Amtsübernahme von Donald Trump und das Gebaren von ihm und seinen Helfershelfern ist dieses Thema wieder auf die Tagesordnung gekommen. Holger Schmidt schreibt in der FAZ Pro Digitalwirtschaft (€) von der extremen Abhängigkeit von den USA bei digitalen Diensten, Software und Künstlicher Intelligenz. Laut einer von ihm aufgeführten Stanford-Studie sind 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland nach eigener Einschätzung von digitalen Importen aus den USA (oder China) abhängig und könnten ohne diese Einfuhren keine zwei Jahre überleben. So weit zum Thema digitale Souveränität.
Passenderweise sind einige weitere Beiträge zur Thematik erschienen. heise – wer sonst – berichtet über steigende Kosten des Bundes für Microsoft-Lizenzen. Demnach gab der Bund 2024 204,5 Mio. Euro für Microsoft-Produkte aus – fast fünfmal mehr als 2015. Einhergehend mit der Microsoft-Strategie wurde vom Bund deutlich mehr für Abo-Modelle gezahlt, die von 29 auf 40 Mio. Euro anstiegen. Der Linken-Abgeordnete Victor Perli kritisiert, Microsoft könne seine Monopolstellung ausnutzen und „der Bundesregierung die Preise diktieren“.
Können wir den technologischen Vorsprung eh nicht mehr aufholen?
Christian Wöbert zeigt im c’t-Newsletter D.digital zur Digitalisierung in Deutschland vom 25.2.2025 – hier zu abonnieren – die unterschiedlichen Meinungen der Bundesländer zum Thema Nutzung von Microsoft-Produkten versus Open-Source-Lösungen auf. Dr. Horst Baier, IT-Bevollmächtigter von Niedersachsen (rot-grün regiert), ist dabei voll auf Microsoft-Kurs. Er bemängelt, dass seit Jahrzehnten versäumt worden sei, eigene leistungsfähige Produkte zu entwickeln: „Der technologische Vorsprung der Hyperscaler bei Office-Produkten, Datenbanken, KI und Cloud ist nur noch schwer einzuholen.“
Unsere digitale Souveränität ist gescheitert
Künftige Technologiesprünge könnten Alternativprodukte nur schwer nachvollziehen. Als Beispiel führt er Microsoft Teams und KI-Assistenten – sprich Microsoft Copilot – an, die ihm zufolge große Vorteile bieten. Den Alternativprodukten fehle es einfach an finanziellen und personellen Mitteln. Mit der Delos-Cloud – von SAP und Arvato unter Einsatz einer „privaten“ Microsoft-Azure-Lösung – werde immerhin eine souveräne Cloud geboten und Wertschöpfungsanteile nach Deutschland geholt. Das Ziel digitale Souveränität werde scheitern, so der Titel seines Beitrags.
Bayern und Nordrhein-Westfalen wollen dem Vernehmen nach auch in Richtung Microsoft gehen. Nur Schleswig-Holstein (schwarz-grün regiert) wechselt als einziges Bundesland zu Open-Source-basierten Lösungen. CDU-Minister Schrödter bemerkt mit Blick auf die Trump-Administration, dass digitale Souveränität mindestens so wichtig wie Energiesouveränität sei.
Digitale Souveränität so wichtig wie Energiesouveränität
In dieses Horn stößt auch Tillmann Braun in der Computerwoche in seinem Kommentar mit dem plakativen Titel „Zieht Trump den Deutschen den Stecker?“. Trump 2.0 habe keine Probleme damit, die globale Abhängigkeit von US-Unternehmen wie Microsoft, Apple und Google dazu zu nutzen, um wirtschaftliche und politische Interessen durchzusetzen. Das realisieren auch immer mehr Verantwortliche in der deutschen Verwaltung, doch „ohne politischen Willen und größere Geldtöpfe wird es zumindest flächendeckend keine digitale Souveränität in Deutschland geben.“
Vielleicht hilft es, wenn sich die neue Bundesregierung vergegenwärtigt, dass es deutlich billiger ist, in europäische Open-Source-Lösungen zu investieren, als weiterhin Milliarden für Softwarelizenzen auszugeben. Allein für Microsoft-Lizenzen, die 2025 auslaufen, hat man rund 1,28 Milliarden Euro an Microsoft gezahlt. Für die ZenDIS GmbH des Bundes, das Zentrum für digitale Souveränität der Verwaltung, das mit der Office & Collaboration Suite eine Alternative zu Microsoft anbietet, fließt ein Bruchteil dieser Mitte, laut Quellen 19 Mio. Euro in 2024.
Insgesamt fließen, so die Gesellschaft für Informatik, nur etwa 0,5 Prozent der Software-Ausgaben des Bundes in zukunftsorientierte Open-Source-Projekte wie den Sovereign Tech Fund oder das ZenDiS, während Milliardenbeträge in proprietäre Softwarelösungen investiert werden. Auch andere Expertinnen und Experten fordern, dass in europäische Lösungen und Open Source investiert werden müsse, insbesondere Software im Bereich kritischer Infrastrukturen auf Open Source basieren sollte.
Der Glaube an einen Richtungswechsel fehlt mir
Ich stimme dem zu. „Digitalisierung muss Chefsache werden, Herr Merz!“. so Holger Schmidt in der FAZ Pro Digitalwirtschaft (€) vom 26.2.2025. Allein mir fehlt der Glaube, dass die deutsche Politik und die kommende Bundesregierung wirklich die dringend notwendigenen Schritt gehen werden. Die Lobbyarbeit von Microsoft zahlt sich aus. Zudem sind die notwendigen Investitionen in so vielen anderen Bereichen horrend. Und weder einer CDU noch einer SPD traue ich derzeit die Weitsicht, Durchsetzungskraft und den Willen zu, Deutschland und Europa digital souveräner zu machen. Digitalministerium hin, Digitalministerium her. Pervers: Unsere einzige Hoffnung, dass etwas passiert, passieren muss, ist die Trump-Administration.
Doppelmoral bei Office-Paketen
Auch Steffen Voß hat sich zum Thema geäußert. Bei Microsoft wird toleriert, was wir bei Alternativen verdammen. Neue Office-Version mit geänderter Oberfläche? Dann muss man sich halt umgewöhnen. Umstieg auf LibreOffice mit anderer Menüführung? Viel zu kompliziert! Genau das moniert gerade laut c’t-Newsletter D.digital zur Digitalisierung in Deutschland vom 25.2.2025 die Gewerkschaft Verdi in Schleswig-Holstein. Der Unmut bei den Beschäftigten großer Behörden über die aktuell laufende Umstellung auf LibreOffice* ist groß; die Softwaremigration erhöhe die Arbeitsbelastung der Beschäftigten enorm.
Ja, Steffen, es ist in vielen Teilen eine Doppelmoral, die jeden Versuch blockiert, die Microsoft-Abhängigkeit zu reduzieren. Es wäre Zeit für ehrlichere Vergleiche! Aber viele Nutzerinnen und Nutzer sind Gewohnheitstiere. Ich wünschte mir, dass ich zum Thema digitale Souveränität und weniger Abhängigkeit von Microsoft und anderen US-amerikanischen Anbietern positiver in die Zukunft sehen könnte.
Merz & CDU: Nicht nur ein Kommunikationsdesaster
Nun ist es ein Wochenrückblick mit Fokus auf digitale Souveränität geworden. Musste sein. Aber ich muss noch auf den Beitrag von Dirk von Gehlen aufmerksam machen. Der hat die Kommunikationsstrategie der CDU unter Merz analysiert. Demnach brachte die Eskalation in der Migrationsdebatte keine AfD-Wähler zur Union – im Gegenteil: Über eine Million Unionswähler wanderten zur AfD ab. Umgekehrt sind gar keine AfD-Wähler zur Union gekommen. So von wegen halbieren der AfD.
Die Union hat ohne Not an einer „Verschiebung des politischen Spektrums mitgewirkt und einer Normalisierung der AfD zugearbeitet“. Es war schon vorher bekannt: Es bringt nichts, Positionen von Rechtsradikalen kopieren zu wollen. Die Leute wählen weiter das Original und nicht die Kopie. Die Forschung bestätigt eindeutig: Wenn etablierte Parteien versuchen, Wähler von rechtsradikalen Parteien zurückzugewinnen, indem sie deren Rhetorik und Positionen übernehmen, führt dies häufig zum Gegenteil des beabsichtigten Effekts.
Das haben Merz, Linnemann und die CDU schlicht ignoriert. Man wusste es halt besser. Deshalb ist es nicht nur ein Kommunikationsdesaster. Es hat auch extrem ernste politische Konsequenzen für Deutschland.
Fußnote zu LibreOffice und Open Source-Lösungen
* Ich (wir) nutzen Libre Office privat auf unseren MacBooks. Dabei habe ich keine Einschränkungen feststellen müssen. Reicht vollkommen. Es nervt lediglich, dass MacOS Sequoia sich konsequent weigert, LibreOffice als Standardanwendung für DOCX-Dateien einzutragen. Nicht schlimm, wenn man das weiß. Klar, ich habe keinen Copilot, aber das Thema umgehe ich privat durch perplexity.ai und andere Tools.
Im Job bei Kyndryl bin ich voll auf der Microsoft-Schiene und darf dort auch nur Copilot in einer geschützten Umgebung benutzen. Aber nochmals, ich sehe keine riesigen Unterschiede zwischen der privaten Nutzung und der Nutzung im Job.
Und ja, ich bin nicht so naiv, alle Open Source-Produkte in den Himmel zu loben. Natürlich hört man oft von wenig benutzerfreundlichen oder auch unfertigen Produkten. Und ja, ein Freund, der vor wenigen Jahren Nextcloud nutzen musste, hat über die Administration nur gestöhnt. Dort ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber eigentlich haben wir keine Alternative, wenn wir nicht von Trump abhängig sein wollen. Wir müssen diesen Pfad gehen und dabei Lücken und Schwächen beseitigen (nicht ausmerzen).


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