Es ist für mich mal wieder an der Zeit, einige Berichte aus der Welt der IT und KI im Blog zu kuratieren und zu dokumentieren, bevor sie endgültig davon gerauscht sind.
- Claude lässt Börsenkurse krachen
- 434 Entlassungsrunden 2025: Jeff, Larry, Sathya ganz vorne dabei
- Kurz notiert
Claude lässt Börsenkurse krachen
Für große Aufregung sorgt laut FAZ die KI Claude von Anthropic, die jetzt wohl auch juristische Aufgaben wie Vertragsprüfungen übernehmen kann. Und schon purzelten an der Börse die Kurse von Softwarehäusern, die mit Juristerei auch nur entfernt zu tun haben, um bis zu 20 Prozent: „Die Sprachmodelle der großen Anbieter sind so leistungsfähig, dass sie den Diensten der Softwarehäuser bald ebenbürtig sein könnten – und das zu einem Bruchteil der bisherigen Preise“, schreibt die FAZ. Brave new world: Die KI holt sich nicht nur Code – sondern auch Marktanteile und Anlegerseelen. Willkommen im neuen Tech-Zirkus! 🤹♂️
KI ist der neue Fetisch der Bilanzen
Noch ein ganz kurzer Blick auf die ach so flüchtigen Ergebnisse des vergangenen „most important quarter in the history of our Company“. Apple verkauft iPhones wie geschnittenes Brot, auch in China, und das, obwohl Siri geistig noch im Jahr 2015 lebt. Microsoft baut Rechenzentren, investiert massiv in Chips, die schnell überholt sind, als gäbe es kein Morgen. Meta entsorgt das Metaversum und träumt von Superintelligenz. KI ist der neue Fetisch der Bilanzen – nur nicht immer der Rendite.
434 Entlassungsrunden 2025: Jeff, Larry, Sathya ganz vorne dabei
Wer die Medien aufmerksam verfolgt, stellt in den vergangenen Wochen und Monaten fest, wie viele Entlassungswellen es bereits nicht nur in der Software-Branche gegeben hat, die damit begründet werden, dass Large Language Models Aufgaben übernehmen sollen. Ob die KI-Systeme dann wirklich diese Aufgaben zufriedenstellend ausfüllen, bleibt abzuwarten. Ja, sie haben unterdessen ein anderes Level erreicht, aber ich muss unwillkürlich an die nur nervenden Chatbots denken, die gefühlt fast überall an den Hotlines eingeführt wurden.
Nun sind diese Chatbots powered by LLMs das neue Heilsversprechen. IBM hat rund 8.000 HR‑Stellen gestrichen und durch einen internen KI‑Chatbot („AskHR“) ersetzt. Ähnliche Meldungen gibt es von Amazon, Salesforce oder auch Microsoft. Eine Auswertung von FinalRound AI zeigt für 2025 über 130.000 verlorene Tech‑Jobs in 434 Entlassungsrunden, klar verbunden mit „AI‑driven restructuring“. Ganz vorne dabei ist auch Trump-Freund Larry Ellison mit Oracle, der laut Berichten 30.000 Mitarbeitende entlassen will, um seine KI-Investitionen finanzieren zu können. Das soll auch ein Motiv für den Stellenabbau bei Microsoft sein.
Doch auch in anderen Branchen sind laut CNBC die Auswirkungen von KI wie ein Tsunami zu spüren. So werden beispielsweise Lufthansa und Allianz Partners in Berichten genannt. Was mich misstrauisch macht, ist, dass wieder viele Stellen im Kundendienst wegfallen sollen. Nach eigener Erfahrung geben auch die neuen Chatbots, powered by LLMs, noch nicht die Antworten, die der Anfragende erwartet. Die Welle ist aber wohl nicht aufzuhalten. Soll ich in diese Aufzählung noch die Kündigung von 300 Journalisten bei der Washington Post durch Jeff Bezos aufnehmen? Aber ich glaube, der nutzt dort gar nicht das Deckmäntelchen KI, um die Traditionszeitung MAGA-konform zu streamlinen.
Man entlässt heute, weil man hofft, übermorgen effizienter zu sein
Interessant in diesem Zusammenhang ist der Artikel von Holger Schmidt „Das Narrativ der KI-Entlassungen“, der eine aktuelle Umfrage von Thomas H. Davenport und Laks Srinivasan behandelt. Demnach erwarten die Unternehmen (irgendwann einmal) signifikante Produktvitätsgewinne, erreicht haben diese allerdings nur wenige. Man entlässt heute, weil man hofft, übermorgen effizienter zu sein. Wer nutzt KI vielleicht als Ausrede, um Entscheidungen zu kaschieren, die ganz andere Gründe haben? Artikel sprechen von AI-washing oder – „schöner“ Berater-Sprech „antizipatorischen Kürzungen“.
KI-Agenten scheitern an denselben Problemen wie BPM oder RPA
Auch sind die Ergebnisse beim Einsatz von KI noch nicht wirklich zufriedenstellend. Johannes Winkelhage berichtet in der FAZ, dass viele KI-Projekte und gerade auch die mit den neuen, hochgelobten KI-Agenten oft im Pilotbetrieb stecken bleiben. Gründe dafür sind alte IT-Systeme (sogenannte Legacy-IT), Daten in Silos und schlechtes Change-Management. Wer wie ich schon länger in der IT-Industrie arbeitet, kennt die Buzzwords von Workflow über Business Process Management und Robotic Process Automation zu KI-Agenten und die Gründe für nicht erfolgreiche Projekte nur zu gut. Daran sind schon vor dem KI-Hype unzählige Projekte gescheitert. Wer KI nur „draufschraubt“, bekommt Effizienz-Kosmetik statt Produktivität. Ein Schelm, wer jetzt die Brücke zu den oben beschriebenen Kündigungen und dem Stellenabbau und dessen Erfolg schlägt.
Kurz notiert
Meta: Bonus an die, die KI intensiv nutzen
Anfang 2026 hat Meta begonnen, die Leistung seiner Mitarbeitenden explizit an die Nutzung von KI-Tools zu koppeln. Konkret soll ein KI-gestütztes Bewertungssystem namens „Checkpoint“ Daten aus verschiedensten Quellen auslesen und daraus Leistungsbewertungen und Bonuszahlungen ableiten. Der Konzern will Mitarbeitende belohnen, die durch den Einsatz von KI besonders effizient arbeiten, berichtet heise.
KI kreativer als der Durchschnittsmensch, aber …
Dass KI-Modelle bei Kreativitätstests dem „Durchschnittsmenschen“ Paroli bieten können, ist kein Science-Fiction mehr, sondern Forschungsergebnis – GPT-4 & Co. lagen im Mittel über den Teilnehmenden, berichtet Spektrum der Wissenschaft. Doch die wirklich originellen und ideenreichsten Köpfe sind weiterhin menschlich, so der Bericht. Ich möchte mich nicht als besonders kreativ und originell bezeichnen, aber ich stelle beim Nutzen der LLMs zur Generierung meiner Titelbilder immer wieder fest, dass ich zumindest nachschärfen muss, um das Ergebnis zu erreichen, das mich zufriedenstellt. Die KI ist ein guter Sparringspartner und Assistent, aber noch nicht wirklich ein Ersatz – zumindest für mich.
Weiß-rot, zuverlässig, „läuft“ – auch weiterhin?
Und jetzt endlich mal ein Thema, das nichts mit KI zu tun hat. Ich schaue von meinem Schreibtisch sitzend halbrechts nach oben. Da steht sie, meine Fritzbox 7590 AX. Und dort – oder auch unter dem Schreibtisch – steht sie und ihre Vorgängermodelle schon seit vielen, vielen Jahren. Weiß-rot, zuverlässig, „läuft“, so kennen und schätzen viele deutsche und europäische Anwender den Router. Thomas Kuhn beschäftigt sich in der Wirtschaftswoche mit den Herausforderungen, denen sich das Unternehmen gegenübersieht.
Von den Gründern an einen Investor verkauft, muss sich Fritz!, wie die Firma jetzt heißt, im Glasfaserzeitalter behaupten. 50 % Marktanteil helfen wenig, wenn sich die Technikbasis von DSL zu Glasfaser verschiebt. Die Frage ist nicht, ob Fritz! Qualität kann – sondern ob sie den Umbruch schnell genug schafft. Und wie sich die neuen Besitzer (Investoren) verhalten. Da gab es genug Heuschrecken… äh negative Beispiele …
WhatsApp ist keine Messenger mehr und fällt unter den DSA
WhatsApp ist kein reiner Messenger mehr: WhatsApp-Kanäle fallen wegen ihrer Reichweite unter den Digital Services Act. Die EU behandelt WhatsApp nun wie Social Media: Transparenz bei Werbung, Schutz vor Wahlmanipulation, schnelleres Entfernen illegaler Inhalte. Dass Meta das „Zensur“ nennt, sagt vor allem viel über Meta und Mark Zuckerberg.
Signal ist kein „Big Tech“, nutzt aber deren Infrastruktur
Mike Kuketz hinterfragt, ob der auch von mir bevorzugte Messenger Signal „Big Tech“ sei – und kommt zum Schluss: Nein, aber aktuell braucht Signal Big-Tech-Infrastruktur, etwa Amazon, Google, Cloudflare und Microsoft. Damit bleibt Signal natürlich in einem Spannungsfeld zwischen Datenschutz-Ideal und realer Abhängigkeit.


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