Elon Musk, Twitter, TikTok, Meinungsfreiheit: Dezentrale Strukturen sind resilienter – Mein Digitaler Jahresrückblick Teil 2

Begonnen habe ich mein Rückblick zu Digitalthemen des Jahres mit den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs und der Bedrohung unserer kritischen Infrastrukturen. Das dritte Digitalthema, das mich 2022 besonders umtreibt, sind die Konsequenzen der Twitter-Übernahme durch Elon Musk. Die Plattform, die lange Jahre meine lieb gewonnene Social Media-Heimat war, scheint derzeit in dem Hin und Her der wirr erscheinenden Entscheidungen zu versinken. Die erneute Freischaltung und Entblockung rechter Spinner – angefangen mit Donald Trump – bis zur Sperrung freier Journalisten renommierter Publikationen kann nur erschrecken und verstören. Deshalb habe ich auch meine Aktivitäten auf Twitter deutlich eingeschränkt, mein Konto aber noch nicht gelöscht.

Angesichts von Musk, Zuckerberg und TikTok müssen wir Alternativen suchen

Mit mehr als nur wohlwollendem Interesse verfolge ich, was derzeit im Fediverse und auf Mastodon geschieht. Bei aller berechtigten Skepsis, bei allen begründeten Vorbehalten, glaube ich, dass sich gerade eine „Window of Opportunity“ auftut. Angesichts der aktuellen Situation um Musk und TikTok macht es Sinn, Social Media und Social Networking zu überdenken und zumindest zu versuchen, ein dezentral organisiertes Fediversum zu stärken, in dem unterschiedliche Apps, Instanzen, Plattformen und Plattförmchen miteinander interagieren können.

Um aber signifikante Relevanz zu erreichen, muss die Bedeutung, Reichweite und Nutzerzahl des Fediverse deutlich gesteigert werden. Es ist wichtig, dass die Mozilla-Foundation Anfang 2023 eine Mastodon-Instanz eröffnen will. Es ist wichtig, dass sich Tumblr dem Fediverse öffnen will. Und es wäre wichtig, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland im Fediverse engagieren, ihre Mediatheken integrieren und eigene Instanzen betreiben. Daneben sollten alle politischen Ebenen von den Kommunen bis zur EU das Fediverse bespielen und vor allem dort ihre Informationen teilen.

Weder Twitter noch die Mastodon-Instanzen fallen unter EU-Regulierung DMA

Natürlich gibt es eine Vielzahl von Risiken. Natürlich können auch dort Spinner aktiv werden und die Themen Meinungsfreiheit, Moderation und Code of Conduct müssen ernsthaft thematisiert werden. Doch den Eindruck zu erwecken, dass Mastodon das einzige, anarchische, unkontrollierte Netzwerk und „schlimmer als Twitter“ sei, ist natürlich irreführend, ja falsch. Nicht nur das dezentrale, verstreute „Meer von Instanzen“ des Fediverse fällt nicht unter die neuen EU-Bestimmungen. Die neuen DMA-Vorschriften der EU-Kommission greifen auch nicht für Twitter, obwohl Twitter „großen Einfluss auf die öffentliche Meinungsfindung weltweit und auch in Europa “ ausübt, wie Staatssekretär Sven Giegold anmerkt. „Die Chancen, dass Twitter unter Musk in der EU ausreichend demokratisch reguliert wird, stehen derzeit bei vermutlich gerade einmal 50:50“, schreibt Markus Beckedahl.

TCP/IP und SMTP/POP3/IMAP als Vorbild für das Fediverse

Das Protokoll TCP hat gewonnen.
Wäre es anders gekommen,
das Internet wäre vielleicht eine
nicht besonders dezentrale
Mischung aus Bildschirmtext,
Fernsehen und Telefon. Und heute
in der Ukraine längst abgeschaltet.

Ukraine-Krieg: Warum das ukrainische
Internet noch immer läuft –
Sascha Lobo – Kolumne –
DER SPIEGEL

Genau deshalb gilt es zumindest zu versuchen, ein dezentrales, an den Ursprüngen des Internets orientiertes, vielfältiges Flechtwerk miteinander kommunizierender sozialer Netzwerke und Apps zu etablieren. Wie erfolgreich eine solche Architektur sein kann, zeigt sich anderen Stellen. Das, was TCP/IP als Netzwerkprotokoll, das was SMTP, POP3 und IMAP für E-Mail geleistet haben. könnte ActivityPub für Social Networking werden, ein Protokoll, mit dem verschiedenen Instanzen und Fediverse-Apps transparent miteinander kommunizieren.

Die Frage, ob ein Fediverse erfolgreich sein wird, ist komplett offen. Und natürlich ist das Erstellen von Konten und die Bedienung noch nicht elegant und easy, wie man es erwarten könnte und sollte. Aber das waren E-Mail-Klienten „damals“ auch nicht. Und selbst Twitter hatte zu Beginn Haken und Ösen, Funktionalität, die fehlte. Doch so etwas renkt sich erfahrungsgemäß mit der Zeit ein, wenn eine Plattform oder eine App sich am Markt behaupten kann.

Selbst für freies Netz einsetzen und Politik in die Pflicht nehmen

Wir, die wir uns einem freien Netz verbunden fühlen, sollten den Kampf um den öffentlichen Raum nicht aufgeben und diesen weder Milliardären wie Mark Zuckerberg oder Elon Musk noch staatlich kontrollierten, chinesischen Plattformen wie TikTok überlassen, das gerade Journalisten überwacht hat und massiv Daten sammelt. Die Politik in Deutschland und auf EU-Ebene muss in die Pflicht genommen werden und alle Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen oder eben Gesetzgebung ausbauen, „um den Wettbewerb und die Meinungsfreiheit auf digitalen Plattformen zu schützen„. Denn: „Die Zukunft unserer Demokratie wird im Netz entschieden“ und da hat Renate Künast wahrscheinlich Recht. Schauen wir dabei auch auf die Ukraine. wie in Teil 1 des Jahresrückblicks ausgeführt. Dezentrale Internet-Strukturen erweisen sich dort als resilienter. Übertragen wir das in die Welt des Social Neworkings.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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