Wer genau hinschaut, findet im Titel dieser Reihe eine doppelte Ironie. 2016 feierte die re:publica ihren zehnten Geburtstag – rpTEN. 2026 wird sie zwanzig. Das erste Mal war ich 2009 dabei, in der Kalkscheune, als alles noch überschaubar und familiär war. Seitdem sind viele Geschichten passiert.
Zehn Jahre ist es her, da war ich nicht einfach „nur“ Besucher der re:publica. Ich war bei IBM im Marketing und verantwortete mit unserem Team zusammen den republica-Auftritt: mit eigenem Stand, mit KI-Experten, mit Social-TV-Programm und – heute klingt es wie ein Witz – mit einem tanzenden Nao-Roboter und einem Watson-gesteuerten Furby im Gepäck.
In meinem Beitrag vom 13. April 2016 habe ich Nao und Furby als lebende Demonstrationsobjekte kognitiver Systeme angekündigt. Nao, der humanoide Roboter von Aldebaran, sollte Gangnam Style tanzen und mit Besuchern sprechen. Furby, das Plüschtier aus den 90ern, war mit IBM Bluemix und Watson-Services bestückt worden, damit er sprechen, lernen und „fühlen“ konnte. Das war 2016 der State of the Art der Mensch-Maschine-Interaktion und sorgte auch auf einer Digitalkonferenz wie der re:publica für Aufsehen.
Von Watson zu ChatGPT – und ein Roboter spielt heute Tennis
Ich schaue mir die Fotos heute an und lächle. Die Zeiten haben sich geändert, die Technologie hat sich weiterentwickelt. Heute spielt ein humanoider Roboter Tennis – mit einer 96-prozentigen Vorhand-Erfolgsquote, trainiert auf fünf Stunden Hobbytennis. Das ist der eigentliche Zehnjahres-Bogen: nicht gerade, nicht planmäßig, aber real.
Vom IBM-Stand haben Gunnar Sohn und ich live gestreamt, unter dem wunderbar selbstbewussten Titel: Watson übernehmen Sie! Der Durchbruch kam. Aber nicht durch Watson – sondern durch ChatGPT, im November 2022, sechs Jahre später. Was genau aus dem KI-Versprechen von 2016 wurde, wohin uns heute KI-Agenten führen, das arbeite ich in einem separaten Beitrag auf.
Ein Orchester im Nebengebäude – oder: ein Symbol für Collaboration
Neben dem IBM-Stand mit Nao und Furby veranstalteten wir auf der rpTEN das IBM HR Festival als eigene Subkonferenz für Personalverantwortliche. Die Idee: Ein echtes, vollständiges Orchester tritt im Nebengebäude der Station Berlin auf. Keine Aufzeichnung, kein Stream aus der Konserve. Live. Als Eröffnung eines HR-Events zum Thema Digitalisierung und Zusammenarbeit. Sehr ambitioniert.
Miha Pogacnik, slowenischer Violinist und selbsternannter Vordenker, brachte seine Musiker mit und zelebrierte die sogenannte Resonanz-Methode: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des HR Festivals erlebten die Aufführung nicht von der Zuschauerseite aus, sondern inmitten des Orchesters. Umgeben von Geigen, Celli und Blechbläsern sollten sie am eigenen Körper spüren, was kollektives Zuhören bedeutet, was passiert, wenn jeder seinen Part spielt und auf die anderen hört – und was Führung in einem solchen System eigentlich heißt.
Die Symbolik war gewollt und sie funktionierte: Das Orchester als Metapher für digitale Zusammenarbeit, für das Zusammenspiel verschiedener Instrumente zu einem gemeinsamen Klang. IBM wollte damit zeigen, dass Arbeiten 4.0 eben nicht technologischer Determinismus ist, sondern ein menschliches Vorhaben – orchestriert, aufeinander abgestimmt, mit einer gemeinsamen Partitur. Man hört die Musik anders, wenn man mittendrin ist.
Was weniger im Blog steht: Die Zusammenarbeit mit einer solchen Künstlerpersönlichkeit war, sagen wir es diplomatisch, ein Erlebnis für sich. Miha Pogacnik ist ein Mensch mit sehr klaren Vorstellungen – von seiner Kunst, von der Bühne, von dem, was man ihm zumuten darf und was nicht.
IBM ist ein Konzern mit sehr klaren Prozessen – von der Logistik, von den Vertragswerken, von den Ablaufplänen. Diese beiden Welten zusammenzubringen hat einiges an Nerven, Überzeugungsarbeit und Improvisationstalent erfordert. Manchmal war nicht ganz klar, wer hier wen dirigiert – der Dirigent oder ich als Marketingverantwortlicher der IBM.
Rückblickend war es trotzdem das Richtige. Ein echtes Orchester als Opener eines HR-Events auf der re:publica – das hat man nicht alle Tage. Und dass wir das dann auch noch live per Social TV gestreamt haben, macht es im Nachhinein noch etwas surrealer. Ambitioniert, aufwendig, unvergesslich. Und ein bisschen wahnsinnig.
Andreas Gebhard – ein roter Faden durch fast zwei Jahrzehnte
Eines der Social-TV-Gespräche von 2016, das ich bis heute nicht vergessen habe: Gunnar Sohn hat live vom IBM-Stand aus Andreas Gebhard interviewt – über zehn Jahre re:publica, über die Geschichte zwischen IBM und der Konferenz, über die Bustouren mit Bloggern, Theateraufführung, Design-Thinking-Workshop. Diese Gemeinsamkeiten gehen zurück bis 2009, als IBM erstmals als Sponsor mit zur Kalkscheune kam – als die re:publica noch Bloggerkonferenz war und ein paar hundert Menschen zusammenkamen.
Ich habe daran zurückgedacht, als Lars Basche und ich uns Anfang 2025 wieder mit Andreas für #9vor9 zusammengesetzt haben. Im vergangenen Jahr sprach er mit uns über Open Source als seine größte persönliche digitale Niederlage Europas. Aber vielleicht erleben wir ja jetzt endlich ein Comeback oder gar den Durchbruch?
Wer ich damals war – und wer ich heute bin
2016 bin ich für IBM auf die re:publica gefahren. Mit Budget, mit Stand, mit Team, als Vertreter meines Unternehmens. Ich habe vermarktet, ich habe gestreamt, ich habe IBM-Lösungen erklärt. Dass ich dabei auch wirklich an das (meiste) geglaubt habe, was ich sagte, stimmt – aber der Interessenkonflikt ist offensichtlich, wenn ich die alten Beiträge heute lese.
2025 bin ich aus eigener Tasche hingefahren: Eintrittskarte, Hotel, Bahn. Zum ersten Mal seit meiner Erkrankung. Als unabhängiger Blogger, ohne Stand, ohne Nao, ohne Furby, ohne Orchester. Nur mit Lars, mit dem ich #9vor9 mache – und mit dem Gefühl, dass ich die re:publica jetzt anders erlebe als früher. Ehrlicher vielleicht.
Und 2026? Fahre ich wieder, als Boomer unter deutlich jüngeren Menschen. Aber mit der Überzeugung, dass der Austausch dort – über digitale Souveränität, über Europa, über KI, über Demokratie – wichtiger ist denn je. Zwanzig Jahre re:publica. Ich war dabei. Fast von Anfang an. Die re:publica bleibt auf jeden Fall relevant.



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