
König Charles III. steht im US-Kongress und erinnert die Abgeordneten daran, dass westliche Bündnisse auf Werten beruhen, nicht auf Deals. Zwölfmal stehender Beifall — in einem Land, dessen Präsident „America First“ predigt und Bündnisse in Deals verwandelt — bei denen am Ende immer der Trump-Clan und seine Verbündeten auf der Gewinnerseite stehen. Offizieller Anlass war das 250. Unabhängigkeitsjubiläum der USA, der eigentliche Auftrag laut FAZ-Korrespondent Johannes Leithäuser aber ein anderer: das angeknackste Verhältnis zwischen London und Washington kitten, nachdem die britische Labour-Regierung sich geweigert hatte, Trumps militärisches Iran-Abenteuer zu unterstützen.
Charles aber lieferte weit mehr als diplomatische Schadensbegrenzung. Er sprach als Europäer mit über tausend Jahren historischem Gedächtnis im Rücken — pointierter politisch, schreibt Leithäuser, als es seine Mutter Elisabeth je gewagt hätte. Ob Trump ihm so ehrerbietig begegnete, weil er wirklich beeindruckt war — oder nur, um anschließend Premier Starmer umso wirksamer in den Senkel zu stellen, lässt Leithäuser offen.
Nero, Reality-TV und das hohle Imperium
Florian Harms beschreibt Trump im „Tagesanbruch“ als Nero der Gegenwart: Größenwahn, Selbstinszenierung, Triumphbögen, große Ballsäle. Er überlebt ein Attentat — und macht daraus sofort Wahlkampf. Er faltet Selenskyj im Oval Office vor laufenden Kameras zusammen und sagt hinterher: „This is going to be great television.“ Der ehemalige Reality-TV-Star betreibt die Präsidentschaft konsequent als Fortsetzung seiner Show — das habe ich in diesem Blog schon ausführlicher beschrieben. Wer so agiert, regiert nicht — er inszeniert.
Dieter Schnaas liefert in der WirtschaftsWoche den historischen Rahmen dazu: Die USA befinden sich am Höhe-, Wende- und Tiefpunkt ihrer imperialen Macht zugleich. Militärisch ein Gigant, der keine Kriege mehr gewinnen kann — aber auch nicht besiegt werden kann. Recht gilt nur zwischen Gleichen — gegenüber Schwächeren zählt nur Macht. Trump droht mit Zöllen, Truppenabzug und Deals. Sprunghaft, rachsüchtig, unfähig zu Bündnissen: Er schwächt sein Land, statt es groß zu machen.
Wirtschaftlich ein Kartenhaus: Die USA leben seit Jahrzehnten auf Pump — und sind darauf angewiesen, dass andere Länder ihre Staatsschulden finanzieren. Und ideologisch? Die Hegemonialmacht ist zum postimperialen Großmaul degeneriert. Das sendet ein klares Signal an Verbündete: Verlasst euch nicht darauf, dass hier jemand aus Überzeugung zu euch steht.
Lego-Trump aus Teheran: KI als Propagandawaffe
Untermalt und begleitet wird das mit der Erosion der demokratischen Öffentlichkeit: Influencer statt Journalisten, Late Night Shows statt Nachrichten, KI-Avatare statt echter Stimmen. Das habe ich in diesem Blog vor Kurzem ausführlich beschrieben. And the show must go on. Nur zu dumm, dass auch seine Gegner verstanden haben, dass es um Great Television und Befriedigung der asozialen, algorithmischen Medien geht.
Die iranische Gruppe „Explosive Media“ produziert KI-generierte Clips, die Trump als Lego-Figur mit Schweinerüssel zeigen — schnelle Schnitte, Eminem-Ästhetik, sie gehen millionenfach viral. Propagandaforscher Marcus Bösch erklärt gegenüber ZDFheute, warum das so wirksam ist: Die Videos passen perfekt in den Feed, zwischen Kochvideos und Hundevideos. Der Algorithmus belohnt nicht Wahrheit, sondern Empörung und Belustigung. Iran schlägt Trump mit seinen eigenen Mitteln — denn das Weiße Haus hat selbst monatelang auf Memes, KI-Bilder und Computerspielreferenzen gesetzt, um Trump zu inszenieren. So funktioniert der digitale Informationskrieg im Jahr 2026.
Pay-to-Play: Soldaten als Druckmittel
Währenddessen inszeniert sich Trump weiter selbst und droht Deutschland und Europa mit den ganz klassischen Hebeln amerikanischer Macht. Nach den ständigen Zoll-Drohungen bringt Trump erneut einen Truppenabzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland ins Spiel — inzwischen nicht mehr nur als Drohung, sondern als konkrete Ankündigung, die er explizit an deutsche Kritik an der US-Iran-Politik und die ewige Zwei-Prozent-Debatte knüpft. Alles wird zur verhandelbaren Größe in einem Pay-to-Play-Modell, in dem Bündnisschutz an Unterwerfung gekoppelt wird.
Besonders brisant: Trump beerdigt auch Bidens Versprechen, Mittelstreckenwaffen in Deutschland zu stationieren — Waffen, die Europa in dieser Form nicht hat und gerade erst zu beschaffen beginnt. Eine echte Abschreckungslücke, die Putin direkt nützt. Dass Trump diese Entscheidung kurz nach einem langen Telefonat mit Putin traf, fällt schwer als Zufall zu verbuchen. Der direkte Anlass war ein Schulbesuch: Merz hatte dort gesagt, die USA würden vom Iran „gedemütigt“ — woraufhin Trump wütete und den Abzug prompt als Strafe inszenierte. Das sollte nicht nur Friedrich Merz Sorgen bereiten, denn Europa ist noch nicht bereit, sich selbst zu verteidigen. Es wird noch Jahre dauern. Wladimir Putin weiß das.
Sicherheitsexperten warnen, dass die USA sich damit selbst schaden und ihre logistischen Hebel in Europa schwächen — zugunsten Russlands. Aber in einer politischen Kultur, in der Kurzfristigkeit über Strategie siegt, zählen solche Argumente weniger als der innenpolitische Effekt. Was von den Epstein-Files und den schwierigen wirtschaftlichen Problemen im Land ablenkt, ist nützlich.
Und dann ist da noch der Iran-Krieg, der ihm bei seinen Anhängern enorm schadet. Gerhard Spörl bringt es in seiner t-online-Kolumne auf den Punkt: Trump hat die Widerstandskraft des Mullah-Regimes schlicht unterschätzt. Ein Luftkrieg, der ein Regime stürzen soll, das seine Bevölkerung als Schutzschild benutzt — das hätte man wissen können, wenn man es wissen wollte. So wird dieser Trump in die Geschichtsbücher eingehen: nicht als der große Dealmaker, sondern als der große Irrende.
Wenn man diese Linien zusammendenkt — den König im Kongress, das hohle Imperium im Weißen Haus, die Lego-Propaganda aus Teheran, den angekündigten Truppenabzug, die Angst der Europäer vor Zöllen —, entsteht kein Zufallsbild. Der Westen zerlegt sich nicht durch einen großen Knall, sondern durch viele kleine Entscheidungen, Unterlassungen und Geschäftsabschlüsse. Bündnisse werden zu Transaktionen, Sicherheitsarchitekturen zu Produkten in fremder Hand, Öffentlichkeiten zu Schlachtfeldern für Algorithmen und KI-Clips.
Royale Worte reichen nicht
Die Rede von König Charles klingt vor diesem Hintergrund fast wie ein Anachronismus — oder wie ein Angebot. Wenn Europa „Werte“ im 21. Jahrhundert ernst nimmt, reicht es nicht, in Washington höflich zu applaudieren. Dann bedeutet es: eigene Infrastruktur bauen, eigene KI entwickeln, eigene Sicherheitsarchitekturen definieren. Sonst bleiben uns royale Worte — und darunter ein Geflecht aus Abhängigkeiten und Algorithmen, in dem andere längst Fakten schaffen.
Kuratierte Quellen
- FAZ — König Charles III. redet im Kongress: Klare Worte in Washington https://www.faz.net/aktuell/politik/usa-unter-trump/koenig-charles-iii-redet-im-kongress-klare-worte-in-washington-accg-200779950.html
- t-online / Tagesanbruch (Florian Harms) — Nero-Vergleich / Trump & König Charles https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101231578/treffen-mit-donald-trump-kann-koenig-charles-iii-ihn-besaenftigen-.html
- t-online / Tagesanbruch (Florian Harms) — Schüsse beim Korrespondenten-Dinner https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101229684/schuesse-bei-donald-trumps-korrespondenten-dinner-es-geht-einfach-weiter.html
- WirtschaftsWoche / Dieter Schnaas — Das hohle Imperium https://www.wiwo.de/politik/ausland/die-vereinigten-staaten-am-tiefpunkt-ueber-das-hohle-imperium/100217880.html
- stefanpfeiffer.blog — Great Television statt Demokratie (Eigenverweis)https://stefanpfeiffer.blog/2025/08/13/great-television-statt-demokratie-wie-trump-die-us-politik-tv-isisiert/
- stefanpfeiffer.blog — Demokratie braucht Öffentlichkeit (Eigenverweis)https://stefanpfeiffer.blog/2026/04/22/demokratie-braucht-offentlichkeit/
- ZDFheute — Iran-Propaganda-Videos / Marcus Bösch Interview https://www.zdfheute.de/politik/ausland/iran-propaganda-videos-lego-boesch-interview-100.html
- heise online — Bye-bye TV-News: US-Wähler setzen auf Influencer https://www.heise.de/news/Bye-bye-TV-News-US-Waehler-setzen-auf-Influencer-statt-auf-Nachrichten-11263241.html
- New York Times — KI-Avatare / Pro-Trump Social Mediahttps://www.nytimes.com/2026/04/17/business/media/artificial-intelligence-trump-social-media.html
- Tagesschau — US-Truppenabzug Deutschland https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-truppenabzug-deutschland-104.html
- n-tv — Heusgen: Truppenabzug als Reaktion eines Egozentrikers https://www.n-tv.de/politik/Heusgen-sieht-in-Trumps-Truppenabzug-Reaktion-eines-Egozentrikers-id30780214.html
- t-online / Tagesanbruch (Johannes Bebermeier) — Das muss Merz schlecht schlafen lassen
https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101238534/trumps-truppenabzug-aus-europa-warum-das-merz-nervoes-werden-laesst.html - t-online (Gerhard Spörl) — Verirrt im eigenen Labyrinth: Ein Beleg für den Niedergang der USA
https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101238534/trumps-truppenabzug-aus-europa-warum-das-merz-nervoes-werden-laesst.html


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