Eine Collage, die die wichtigsten Angebote von Google, von der Suche über YouTube, Android, der Cloud bis zu KI darstellt.

Google schlägt zurück: Das Ende der Suche und die agentische Ära

Die Breite, die niemand sonst hat

9vor9 breit

Wer sonst hat das? Android als mobiles Betriebssystem mit globaler Reichweite. Die nach wie vor dominante Suchmaschine. Google Cloud als aufholender Hyperscaler, der seinen Marktanteil auf 14 Prozent verdoppelt hat und zuletzt mit 63 Prozent im Quartal wächst. Google Workspace. YouTube, auf das niemand verzichten will. Eigene KI-Chips in der achten Generation — und erstmals Pläne, sie direkt an Großkunden zu verkaufen. Quantencomputing mit dem Willow-Chip. Smarte Brillen. Und Gemini als KI-Modell, das bald in Apples Siri steckt. Und Alphabet kontrolliert heute rund ein Viertel der weltweiten KI-Rechenleistung.

Google im KI-Modus: Die Zukunft der Suche und der Beginn der agentischen Ära für Gemini #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche

In den letzten Jahren, seit es ChatGPT gibt, galt Google oft als abgehängt und nicht bereit für KI. Die Entwicklerkonferenz Google I/O in diesem Jahr gab einen Blick darauf, wie das Unternehmen sich in Sachen KI aufstellen will. In dieser Episode von 9vor9 sprechen Stefan und Lars über Googles neue KI-Strategie, die Rolle agentischer Systeme, die Zusammenarbeit mit Apple und die Frage, ob Google dank seines gewaltigen Ökosystems aus Suche, Android, Cloud, Workspace und YouTube einen entscheidenden Vorteil gegenüber OpenAI, Anthropic und Microsoft hat. Außerdem geht es um die Zukunft der Internetsuche, das Ende der „zehn blauen Links“, die Folgen für Medien und Content-Ersteller sowie die Frage, wie viel Vertrauen wir KI-Agenten eigentlich schenken sollten.

Das ist die Stärke, die Lars Basche und ich in unserer #9vor9-Folge diese Woche zu sortieren versucht haben. Google war schon lange vor dem ChatGPT-Hype das Synonym für KI-Forschung — das T in ChatGPT steht für Transformer, eine Architektur, die bei Google erfunden wurde. Dann kam OpenAI, dann der Hype, dann die Wahrnehmung, Google sei abgehängt. Die Google I/O 2026 zeigt: Google ist bei weitem nicht tot und nutzt jetzt seine Ressourcen, um den Markt aufzurollen. Mit einer Breite, die kein anderer Wettbewerber hat.

Die Google I/O 2026 verstärkt das Bild. Wer Google in den letzten Jahren abgeschrieben hatte, hat einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat ein einzelnes Produkt bewertet, statt das Gesamtbild zu sehen. Neue Modelle, ein autonomer Cloud-Agent namens Gemini Spark, das größte Suchupdate seit 20 Jahren und eine Allianz mit Apple, die ich vor einem Jahr für unwahrscheinlich gehalten hätte. Google hat in Mountain View geliefert.

Siri powered by Gemini: Ein Armutszeugnis für Apple?

Die vielleicht symbolträchtigste Ankündigung dieser I/O ist nicht Gemini Spark, sondern die Apple-Kooperation. Google-Cloud-Chef Thomas Kurian hat dem Handelsblatt bestätigt, was Apple bislang nur in groben Zügen kommuniziert hatte: Google baut ein Modell als Grundlage für Apple Intelligence — und liefert die Infrastruktur, auf der die Siri-Anfragen der iPhone-Nutzer weltweit beantwortet werden. Selbst Apples besonders abgesicherter Dienst „Private Cloud Compute“, über den sensible Nutzerdaten laufen, soll Google-Infrastruktur nutzen.

Zugleich testet Apple laut Bloomberg intern Integrationen mit Anthropic Claude, die bestehende OpenAI-Partnerschaft läuft weiter. Apple setzt also auf alle Pferde gleichzeitig — was ehrlicher ist als Exklusivitätsrhetorik, aber auch zeigt, wie weit das Unternehmen von einer eigenen KI-Strategie entfernt ist. Dass Apple, dessen Versprechen auch Datenschutz ist, einem direkten Konkurrenten den Private Cloud Compute anvertraut, ist vielsagend. Dass Apple ausgerechnet mit dem wichtigsten Wettbewerber auf dem Gebiet der mobilen Betriebssysteme kooperiert, verwundert ungemein.

Für Google ist es ein kluger Zug: Wer Apple-Nutzer an Gemini gewöhnt, hat einen Fuß im iOS-Ökosystem — ohne selbst ein Gerät verkaufen zu müssen. Die WWDC am 8. Juni wird zeigen, wie Apple das positioniert. Ich bin ziemlich sicher, dass mein iPhone 13 Pro nicht in den Genuss von Siri powered by Gemini kommen wird. Stattdessen wird Apple das nutzen, um neue Hardware zu verkaufen. Das wäre zumindest typisch Apple: Viel Geld mit der eigenen Hardware verdienen.

Agenten: nützlich, aber wofür setzt man sie ein?

Bei Gemini Spark, dem neuen autonomen Agenten, der 24/7 in der Cloud läuft und Aufgaben auch dann abarbeitet, wenn das Smartphone ausgeschaltet ist, bin ich von der vorsichtigen Sorte — und Lars ist da noch skeptischer als ich. Nicht weil die Idee falsch wäre, sondern weil die großen Versprechen der agentischen Ära und der wirkliche Nutzen im Alltag noch auseinanderliegen.

Ich selbst nutze Agenten, allerdings auf Basis von Anthropic CoWork: einen, der mir morgens gefilterte Nachrichten nach meinen Interessen liefert, einen, der meinen Blog nach Tippfehlern durchkämmt und die Korrekturen direkt in WordPress einträgt, einen, der alle Bilder meines Blogs sinnvoll beschriftet hat. Das sind nützliche, konkrete Dinge.

Aber Agenten, die eigenständig Reisen planen und bezahlen, die E-Mails und Termine autonom erstellen und beantworten, die mein Geld intelligent investieren und meine Finanzen verwalten — da stehen zumindest Lars und ich auf der Bremse. Den nächsten Schritt, den Agenten eigenständig buchen und bezahlen zu lassen, gehen wir nicht mit. Zudem sind unsere E-Mail und unser Kalender nicht auf Google, sondern auf deutschen Diensten, datenschutzrechtlich exzellent, aber nicht mit Google integriert.

Google erklärt dem Web den Krieg

Das eigentlich Revolutionäre der I/O ist jedoch nicht neue Software-Versionen oder KI Agenten. Die werden gefühlt ständig von irgendeinem Hersteller vorgestellt. Vielmehr ist es das Ende des „Googlens“ der Suche, wie wir sie kennen. Jo Bager hat es in seinem c’t-Kommentar präzise auf den Punkt gebracht: Google betreibt künftig kein Suchportal mehr, sondern ein Full-Service-Portal — das restliche Web liefert nur noch den Rohstoff.

Der Blogger tante formulierte es noch direkter: Google habe „den Überresten des Webs den Krieg erklärt.“ Die zehn blauen Links, wie wir sie im Google-Suchfenster seit gefühlten Jahrzehnten kennen, verblassen und verschwinden schließlich. KI-Zusammenfassungen, automatische Buchungen, der universelle Einkaufskorb zur Abwicklung von Bestellungen — Google ist nicht mehr Wegweiser, Google wird zum Zentrum.

Für Publisher, Journalisten und Blogger bedeutet das: viel weniger Klicks auf der eigenen Webseite, der Traffic geht dramatisch zurück, und es mehr als fraglich ist, ob er jemals wiederkommt. Ich selbst nutze Google als primäres Suchwerkzeug schon lange nicht mehr. Seit ein, zwei Jahren sind bei mir Perplexity, jetzt vermehrt Claude oder ChatGPT für Recherchen im Einsatz. Jetzt zieht Google mit seiner KI-Zusammenfassung nach. Das Ende der traditionellen Suche ist da, auch wenn einige Leute sie vermissen und die alternative Suchmaschine DuckDuckGo überraschend viele neue Downloads meldet.

Europa, Regulierung und die Souveränitätsfrage

Wenn man sich dieser Tage mit Google beschäftigt, darf das Thema EU und der Digital Markets Act nicht fehlen. Eine Milliardenstrafe wegen DMA-Verstößen stand im Raum, von der Leyen soll gebremst haben, jetzt heißt es wieder, sie kommt doch. Lars ist diesbezüglich wenig optimistisch — wenn JD Vance oder Trump anrufen, hat sich das schnell erledigt, sagte er, und damit lag er die letzten Monate leider oft genug richtig.

Ein Detail, das dabei kaum Aufmerksamkeit bekommt: Google Cloud soll nach aktuellem Stand nicht als „Gatekeeper“ unter dem DMA klassifiziert werden — anders als Amazon und Microsoft. Der vergleichsweise noch geringere Cloud-Marktanteil schützt Google bislang vor dem striktesten Regulierungsregime.

Gleichzeitig versucht Google, nach der Trennung von T-Systems die Souveränitätsdebatte durch eine Partnerschaft mit dem französischen Rüstungskonzern Thales zu befrieden: Gemeinsam wollen sie bis Ende 2026 eine souveräne Cloud-Plattform für Deutschland aufbauen, betrieben von einer deutschen Gesellschaft unter Thales-Kontrolle, mit strikter operativer Trennung von Google Cloud. Google liefert die Technologie, Thales die hoheitliche Kontrolle. Ob damit das Cloud-Act-Dilemma wirklich gelöst ist oder nur eleganter verpackt wird, ist eine andere Frage.

Und dann ist da noch ein Signal, das in der deutschen Debatte nicht ausreichend kommentiert wurde: Die Bundeswehr arbeitet mit Google Cloud. Kurian erwähnte es beiläufig im Handelsblatt-Interview, als einen von mehreren deutschen Partnern. Beiläufig — dabei ist es alles andere als das. Wenn die deutsche Streitkraft ihre Infrastruktur auf einem US-amerikanischen Hyperscaler aufbaut, der dem Cloud Act unterliegt, ist das eine strategische Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen für das, was wir digitale Souveränität nennen. Oder eben nicht mehr nennen können.

Die Breite ist das Problem — und Europa schaut zu

Genau hier liegt das eigentliche Problem dieser I/O 2026: Die Breite, die Google stark macht — Android, eigene Chips, Cloud, Workspace, YouTube, Quantencomputing, Gemini —, ist gleichzeitig der Grund, warum Europa dringend klare Grenzen setzen müsste. Nicht trotz dieser Stärke, sondern wegen ihr. Wer so tief in Infrastruktur, Kommunikation, Suche, Einkauf und bald auch in die KI-Assistenten auf jedem Smartphone eingebettet ist, darf nicht unreguliert bleiben. Die EU hat die Instrumente — den DMA, die DSGVO, das Kartellrecht. Was fehlt, ist der politische Wille, sie auch gegen geopolitischen Druck aus Washington durchzusetzen. Solange der fehlt, ist digitale Souveränität für Europa vor allem eines: ein frommer Wunsch.

Bleibt festzuhalten: Google ist sicherlich kein strauchelndes Unternehmen. Es ist digitale Infrastruktur. Und Infrastruktur lässt sich nur begrenzen, wenn man das wirklich ernst meint.

Hintergrund-Präsentation (erstellt mit NotebookLM)

Quellenverzeichnis

Fediverse-Reaktionen

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Eine Antwort zu „Google schlägt zurück: Das Ende der Suche und die agentische Ära“

  1. […] Stefan Pfeiffer setzt in seiner Analyse der Google-Entwicklerkonferenz an einem Punkt an, der in Eur… […]

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