Die Illustration zeigt einen stark abstrahierten, kubistisch-geometrischen Landtag vor einer stilisierten Stadtkulisse, davor sitzen und stehen sieben ältere Blogger mit Laptops und Sprechblasen. Die reduzierte SPF-Farbwelt aus Grün, Weiß, Grau, Schwarz und wenigen Rot-/Gelbakzenten sowie die geometrischen Flächen verleihen dem Motiv einen klaren Bauhaus-Charakter.

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Blogschau

9vor9 breit

Die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt haben gewählt, und die Zahl steht seit Sonntagabend fest: 43,8 Prozent für die AfD. Gestern habe ich aus meiner Warte aus kommentiert und habe dabei auf bekannte und bewährte Medien zugegriffen. Heute (Dienstag, 8.9.2026) bin ich in meinen RSS-Reader gegangen, um dort nachzuschauen, was die von mir derzeit abonnierten Blogs (quasi meine Blog-Roll) schreiben. Dort schreiben Menschen aus ihrer persönlichen Warte zum Thema. Was ich gelesen habe, macht wütend, nachdenklich und an einzelnen Stellen sogar ein wenig hoffnungsvoll. Hier die wichtigsten Stimmen.

Die Mitte hat ihre eigene Erzählung verloren

Gunnar Sohn fasst bei ichsagmal.com die Analyse von Thomas de Maizière und Giovanni di Lorenzo aus der Sendung von Caren Miosga zusammen. De Maizière nennt die AfD inzwischen eine Partei der Hoffnung, meint damit aber keine Zukunftsvision, sondern die Sehnsucht nach Abschottung und Rückkehr in ein vermeintlich einfacheres Deutschland. Di Lorenzo widerspricht der bequemen These vom globalen Populismus-Trend: Die Ursachen liegen zu Hause, in einer Regierung, die Reformen ankündigt und ihre eigenen Ankündigungen anschließend selbst zerlegt.

Gunnar kommentiert das Verhalten von CDU, SPD, Grüne und Linke zu recht kritisch: Wer der AfD jedes Thema überlässt, aus Angst, ihr sonst in die Hände zu spielen, verliert die erste Runde schon vor dem eigentlichen Streit. Auch haben sie regelrecht Angst, bestimmte Themen wie Migration, Rundfunkreform oder Klimapolitik klar zu adressieren, um nicht der AfD in die Hände zu spielen.

Die CDU hat dabei ihre alte Funktion verloren, den rechten Rand demokratisch zu binden. 17,2 Prozent und null Direktmandate sind der Beleg. Die Partei muss jetzt entscheiden, ob sie AfD-Positionen einzeln kopiert (und dabei erneut baden geht) oder wieder ein eigenes Gesellschaftskonzept entwickelt.

Reformen? Nicht wenn es mich trifft

Eine weitere Beobachtung schärft den Blick auf die Probleme unseres Landes: De Maizière erinnert bei Miosga daran, dass Bürger Reformen fordern und die einzelne sofort Reform ablehnen, sobald sie selbst zahlen sollen. Rente, Subventionen, Verteidigung, Sozialleistungen: Für jede Kürzung findet sich sofort eine Mehrheit der Betroffenen dagegen.

Genau an dieser Stelle knicken dann die Regierenden nur allzu oft ein, statt für etwas zu streiten und Widerstand auszuhalten. Eine Regierung kann nicht gleichzeitig investieren, aufrüsten, Sozialleistungen schonen, Steuern senken und Schulden begrenzen. Irgendwann muss sich Politik für Prioritäten und eine klare Linie entscheiden, auch wenn unterschiedliche Koalitionspartner in der Regierung zusammenarbeiten müssen.

Das Ergebnis nennt Gunnar einen perversen Anreiz: „Die Partei mit dem radikalsten Programm erhält dauerhaft die bequemste Position“, während alle anderen für die Realität des Regierens geradestehen müssen. Stattdessen kann die AfD reale Missstände anprangern und nicht realisierbare und finanzierbare Versprechungen machen, ohne dafür abgestraft zu werden. Im Gegenteil.

Merz sagt das Richtige und tut das Alte

Bei Couchblog analysiert Nico Brünjes den Auftritt von Friedrich Merz auf der Pressekonferenz. Merz warnt vor Parteien, die die demokratischen Institutionen infrage stellen, zählt dabei aber Linke und BSW mit hinein und geht dann, in Brünjes‘ Worten, einfach „zur Tagesordnung über“. Der eigentliche Feind der Demokratie bleibt unbenannt. Merz ist für ihn nur das sichtbarste Symptom eines viel größeren Problems.

Wie brüchig diese Symbolpolitik ist, zeigt Horst Schulte an einem einzelnen Satz von der gleichen Pressekonferenz. Merz verspricht, der Bund werde eingreifen, sollte eine AfD-geführte Landesregierung Grenzen überschreiten, und beruft sich auf die Bundestreue im Grundgesetz. Horst Schulte fragt zu Recht, ob es eine vergleichbare Drohung gegenüber einem Bundesland in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt schon gegeben hat. Eine Ansage, die im Ernstfall noch nie geprobt wurde, ist kein Sicherheitsversprechen. Sie ist eine offene Frage.

Ein Rücktritt, den die CDU vorbereiten sollte

Peter Lohren von Textrebell sieht in dem Ergebnis vor allem eine Klatsche für den Bundeskanzler selbst. Er attestiert Merz einen oberlehrerhaften, teils beleidigenden Wahlkampfstil gegenüber den realen Sorgen der Bevölkerung und macht daran zumindest eine Ursache des Debakels fest.

Der Text geht dabei ungewöhnlich hart mit der Biografie des Kanzlers ins Gericht: Merz habe nie ein Exekutivamt geführt, weder als Minister noch als Bürgermeister, und bringe deshalb weder Erfahrung noch Einfühlungsvermögen mit. Seine Jahre als Aufsichtsratschef von BlackRock Deutschland liest Textrebell als Beleg dafür, dass er vor allem die Perspektive der Finanzwirtschaft vertritt und die Probleme derjenigen nicht versteht, die hart für ihr Geld arbeiten müssen. Selbst aus den eigenen Reihen werde ihm ein autoritärer, kompromissunfähiger Führungsstil bescheinigt, der für die notwendige Rolle als Brückenbauer in komplexen Koalitionen denkbar ungeeignet sei.

Die Konsequenz, die Textrebell daraus zieht, ist unmissverständlich: Die CDU solle den Rückzug ihres Kanzlers vorbereiten, statt die nächste Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern abzuwarten, wo die Union in Umfragen bereits auf niedrige einstellige Werte gefallen ist. Zum Ende des Beitrags zitiert Textrebell Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit mit einem vernichtenden Fazit: Merz sei „offenkundig der falsche Mann in diesem Amt in diesen Zeiten“.

Fehler erklären vieles, entschuldigen aber nicht die Wahlentscheidung

In seinem zweiten Text macht Horst Schulte die Liste der politischen Versäumnisse selbst auf schöngeredete Migrationspolitik und eine Fixierung der demokratischen Parteien auf die AfD statt auf eigene Inhalte. Meine Anmerkungen zur Migrationspolitik: Dobrindt verweist auf Erfolge, doch das schert die AfD-Wähler einen Dreck, und die anderen Parteien lahmen aus meiner Sicht, statt klar zu kommunizieren: klare Absage an Clan-Kriminalität und illegale Einwanderung, klare Ansage, dass Integration Sprache lernen und in der demokratischen Gesellschaft ankommen bedeutet, und ebenso klare Rückendeckung und Unterstützung derer, die ihren oft wichtigen Beitrag in unserer Gesellschaft leisten.

Horst spricht von einer Ausgrenzung der AfD im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Meine Wahrnehmung ist da eine ganz andere. Das Thema soziale Medien und die AfD: Lügen und Scheinwahrheiten resonieren in den asozialen Plattformen besser. Das ist aufgrund der Algorithmen so. Komplexe Zusammenhänge einfach und einprägsam erklären, das ist eine der Aufgaben, die nicht nur die Parteien haben. Ja, die AfD hat eine eigene, unkontrollierte Öffentlichkeit auf TikTok und hier muss dringend etwas passieren.

Trotzdem zieht Horst eine harte Grenze: Fehler der Politik erklären nicht die einzelne Wahlentscheidung. Wer 2026 AfD wählt, kennt die Partei seit Jahren, kennt ihre Provokationen, kennt ihre Nähe zu Russland. „Das Kreuz bei der AfD setzt immer noch der Wähler selbst.“

Till Westermayer liefert dazu die verfassungsrechtliche Nüchternheit: Mit 39 von 83 Sitzen fehlen der AfD drei Stimmen zur absoluten Mehrheit, das BSW wird zum Zünglein an der Waage, und schon eine Enthaltung der Linken im dritten Wahlgang könnte einem AfD-Ministerpräsidenten den Weg freimachen. Selbst eine CDU, die eine solche Minderheitsregierung stützt, ist für Westermayer kein rein theoretisches Szenario mehr, auch wenn es die Bundes-CDU vermutlich sprengen würde.

Selbst wenn es bei Sachsen-Anhalt bliebe, wäre eine gesichert rechtsextreme Partei in dieser Stärke nicht folgenlos – Till vergleicht die mit Radioaktivität als mit Feuer. Demonstrationen werden folgen, und zivilgesellschaftliches Engagement ist richtig und wichtig. Es reiche aber nicht, solange Medien einer reißerischen Story mehr Gewicht geben als der Frage, ob sie damit die Demokratie gefährden, solange Beamte und Journalisten vorsichtshalber schon zurückrudern und solange die zuständigen Institutionen vor einem Prüfverfahren beim Verfassungsgericht zurückschrecken. Ich habe es oft gesagt und geschrieben: Ich bin für klare Kante und für ein Prüfverfahren.

Anhalt war schon einmal zu früh dran

Horst Schulte warnt in seinem dritten Text des Tages vor vorschneller Erleichterung über die Rekord-Wahlbeteiligung. Er erinnert an eine unbequeme historische Tatsache: Der frühere Freistaat Anhalt wählte die NSDAP bereits im April 1932 mit rund 41 Prozent zur stärksten Kraft und bildete damit die erste NS-geführte Landesregierung in Deutschland. Die Frage, wann „Wehret den Anfängen“ eigentlich beginnen soll, lässt er wohl bewusst offen. Meine Meinung ist auch hier klar: Das sind keine Anfänge mehr.

Zwischen Angst und Nachbarschaft

Wie sich dieser Wahlabend tatsächlich anfühlt, erzählt Stefan A K Weichelt in seiner fiktiven Erzählung über Renate aus dem Burgenlandkreis, die am Morgen danach zum ersten Mal in 61 Jahren fragt, ob sie die Fremde im eigenen Dorf geworden ist. Stefan beschreibt zwei Ängste gleichzeitig: die Angst der wirtschaftlich Abgehängten und die Angst derer, die jetzt um Nachbarn, Kollegen und Angehörige fürchten.

Lorenzo beschreibt seine Angst nicht aus der Distanz, sondern aus eigener Betroffenheit. Als Mensch mit Behinderung und grüner Kommunalpolitiker macht ihm das Erstarken einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei konkrete Sorgen. Er unterscheidet dabei absolut korrekt: Unzufriedenheit mit der Bundesregierung ist legitim, sie rechtfertigt trotzdem keine Stimme für eine rechtsextreme Partei. Sein Trost ist schmal: Mehr als die Hälfte der Wählerinnen und Wähler hat eben nicht AfD gewählt.

Was jetzt zählt

„Meine“ Blogosphäre liefert natürlich keine einheitliche Lesart: Gunnar Sohn verlangt von der Mitte eigene Antworten statt Abgrenzungsrhetorik. Nico vom Couchblog und Horst Schulte misstrauen den Ankündigungen der eigenen Bundesregierung, Peter Lohren rechnet gleich mit dem Kanzler persönlich ab. Till Westermayer rechnet die Sitzverteilung bis zu ihren unangenehmsten Konsequenzen durch. Stefan Weichelt und Lorenzo erinnern daran, dass hinter jeder Prozentzahl Menschen stehen, auf beiden Seiten des Küchentisches. Was alle sieben vereint, ist die Weigerung, das Ergebnis kleinzureden oder allein den Wählern in Sachsen-Anhalt zuzuschieben. 43,8 Prozent sind eine bundesweite Warnung, kein ostdeutsches Sonderproblem. Wer jetzt wegschaut, wird bei den nächsten Wahlen wieder entsetzt sein.

Quellen & Leseempfehlungen

Comments

3 Antworten zu „Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Blogschau“

  1. Ergänzend zu den sieben Stimmen oben: Stefan Rose bringt es bei Fliegende Bretter in zehn zugespitzten, bewusst polemischen Thesen auf den Punkt. Er sieht im AfD-Ergebnis das Ende des bürgerlichen Zeitalters und, rechnet man AfD und BSW zusammen, sogar die Westbindung der Bundesrepublik in Gefahr. Seine schärfste These: „Das Problem hat einen Namen und sitzt im Kanzleramt.“ Merz‘ wacklige Legitimation und sein Sparkurs seien der eigentliche Treiber, nicht nur die AfD selbst – mit einer vorsichtig gesetzten historischen Parallele zum Aufstieg der NSDAP nach 1928. Rose sieht zudem Sahra Wagenknecht als eigentliche Wahlsiegerin und rechnet damit, dass Ulrich Siegmund über eine geduldete Minderheitsregierung ans Ziel kommt. Sein Fazit: Jahrzehntelange Beschwichtigung hat der AfD nur genutzt, nicht geschadet.

    https://fliegende-bretter.blogspot.com/2026/09/landtagswahl-sachsen-anhalt-2026-10.html

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  2. Noch härter im Ton: Heinrich Kümmerle rechnet auf kuemmerle.name kompromisslos ab. Er sieht in dem Ergebnis den Beweis, dass zu viele Transferzahlungen den Charakter verderben, und zieht eine direkte Linie von seiner eigenen Wendeerfahrung 1989 bis heute: Wer damals vor allem den Wohlstand des Westens wollte – „Kommt die Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr“ –, habe daraus aus seiner Sicht bis heute keine demokratische Reife entwickelt. Kümmerle schreibt, er habe nach 30 Jahren keine Lust mehr, mit seinen Steuergeldern ein aus seiner Sicht mehrheitlich antidemokratisches Sachsen-Anhalt weiter zu finanzieren, und zieht die historische Parallele zum Zentrum, das 1933 den Nationalsozialisten zur Macht verhalf und sich später in CDU/CSU umbenannte. Sein bitterer Schlusswitz: Nach dem nächsten Untergang der Union brauche es ohnehin einen neuen Namen – sein Vorschlag: BSM, Bündnis Spahn-Merz.

    https://kuemmerle.name/6-9-02026/

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  3. Reformen sind nicht, wie hier in diesem Beitrag, mit Kürzungen gleichzusetzten, im Gegenteil.

    Eine echte Reform erfordert u.a. nachhaltige, umfassende strukturelle Veränderungen und geht nicht selten mit hohen zusätzlichen Kosten einher, ist damit eben nicht einfach eine Kürzung und Verringerung von Leistungen.

    Ebenso wären Einsparungen nur dann welche, wenn bei gleichbleibenden Leistungen deren Kosten verringert würden.

    Leider werden diese wichtigen Unterschiede – wie hier – allzuoft übergangen. Insofern kann man es gar nicht oft genug wiederholen: Reformen sind nötig, aber die aktuell drohenden Kürzungen könnten nicht weiter von einer Reform entfernt sein.

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