Die Uhr als Teilnehmer. Strichfiguren sitzen in einem Café an einem Tisch und sprechen. Am Handgelenk der einen sitzt eine überdimensionierte Uhr, aus der grüne Schallwellen austreten und sich über den Tisch legen — bis zur zweiten Figur, die davon nichts weiß. Ein roter Ring um das Ziffernblatt lenkt den Blick.

Privacy: Apple bricht ein Tabu — wo ist der Ausgang aus dem goldenen Käfig?

9vor9 breit

Fünfzehn Jahre Tim Cook sind vorbei. Seit dem 1. September führt John Ternus Apple. Lars Basche und ich haben in der neuen #9vor9-Folge über den Wechsel geredet, über das Falt-iPhone, über Uhren und mehr. Besonders ist mir aus unserem Gespräch ein Satz im Gedächtnis geblieben. Apple hatte zugesagt, niemals persönliche Nutzerdaten für KI-Training zu verwenden. Diese Zusage ist gefallen. Das ist eine, vielleicht die Nachricht dieses Apple-Herbstes, und in der Keynote kam sie (natürlich) nicht vor.

Apple nach Tim Cook: John Ternus und die Suche nach dem nächsten iPhone-Moment | 9vor9 #9vor9 – Unser Digitalthema der Woche

Auch wenn es bei LinkedIn noch anders steht: Apple hat einen neuen CEO und mit ihm möglicherweise einen stärker technisch geprägten Nachfolger. In dieser Ausgabe von 9vor9 sprechen wir über die erfolgreiche Ära Cook, Apples nächste große Produktideen und die Frage, ob Ternus für einen neuen Aufbruch sorgen kann. Im Mittelpunkt stehen Apples Chancen und Herausforderungen bei Künstlicher Intelligenz, die Zukunft von Siri und Apple Intelligence sowie die Zusammenarbeit mit Google. Außerdem geht es um neue Hardware wie das iPhone Duo, Apple Watch und Home-Produkte, um Apples Abhängigkeit von China und um die wachsenden Zweifel am Datenschutzversprechen des Konzerns. Schafft Apple mit John Ternus den nächsten großen Wurf oder bleibt das „One More Thing“ vorerst vor allem Marketing?

Cooks Bilanz: stark, mit zwei Ausreißern

Steve Jobs bleibt der Apple-CEO, mit dem „The Next Big Thing“ wohl für immer verbunden bleibt. Noch heute wird rund die Hälfte des Apple-Umsatzes mit dem iPhone erwirtschaftet. Aber auch Tim Cooks Zeit – immerhin 15 Jahre als CEO – war wirtschaftlich beeindruckend. Der Umsatz stieg von 108 auf 416 Milliarden Dollar. Die Bruttomarge liegt bei 47,2 Prozent. Die Services – Apple fasst unter „Services“ alles zusammen, was nicht Gerät ist – bringen rund 110 Milliarden im Jahr. Darunter fallen die Provisionen aus dem App Store, der Vertrag mit Google, Abos wie iCloud oder Apple Music oder Apple Pay.

Cook machte Apple zum wertvollsten Konzern der Welt — das gelang Steve Jobs nicht. In der Zeit des Lieferkettenmanns wurden aber auch Produkte geliefert: Apple Watch, AirPods, Apple Pay, Apple Music, Apple TV+. Am wichtigsten waren wahrscheinlich die eigenen Silicon-Chips, die kaum jemand als Coup wahrnahm, die aber unterdessen das Herz der MacBooks, iPhones oder Apple Watch sind.

Nicht verschwiegen werden dürfen zwei Projekte, die in der Ära Cook gescheitert sind. Apple Car verschlang zehn Jahre und Milliarden, ohne je ein Fahrzeug zu zeigen. Und das Thema Künstliche Intelligenz. Apple ist hier grandios gescheitert und hat dann jetzt die KI von Google, Gemini, für AI lizenziert. Natürlich ist es etwas unfair, am Maßstab „The Next Big Thing“ gemessen zu werden. Trotzdem scheint das größte Versagen in der Ära Cook der Rückstand im Bereich KI zu sein. Einige sagen jedoch, es sei vielleicht gut, dass Apple nicht wie andere Milliarden und Abermilliarden verbrannt habe und darauf warte, dass KI „produktreif“ sei.

Der größte Erfolg bleibt jedoch der wirtschaftliche Erfolg – und den kann ihm niemand nehmen:

Balkendiagramm mit dem Jahresumsatz von Apple von FY2011 bis FY2025. Blaue Balken zeigen den Umsatz in Milliarden Dollar, während die orangefarbene Linie das Wachstum im Vergleich zum Vorjahr darstellt. Die Grafik endet mit einer Prognose für FY2025.

Unter Cook vervierfachte sich der Jahresumsatz von 108,2 Mrd. auf 416,2 Mrd. Dollar, der Nettogewinn stieg von 25,9 Mrd. auf 112 Mrd. Dollar. Der Börsenwert wuchs von rund 350 Mrd. auf knapp 5 Billionen Dollar — ein Faktor von etwa 14. Apple war die meiste Zeit zwischen 2011 und 2025 das wertvollste Unternehmen der Welt — aktuell ist es das aber nicht.

Ternus: ein Hardwaremann für ein Softwareproblem

Und nun zu seinem Nachfolger: John Ternus ist Maschinenbau-Ingenieur, seit 2001 im Konzern, zuständig für iPhone, iPad und Mac. Lars hat nachgeschaut: Auf LinkedIn steht der Mann bis heute als Vice President Hardware Engineering, kein einziger Beitrag. Seine Frage: „wie kann man heutzutage CEO von einem Unternehmen werden, ohne LinkedIn zu nutzen, Stefan?“ Als bekennender LinkedIn-Skeptiker freut mich das eher, aber wahrscheinlich wird auch er nicht umhinkommen, den Business Kasper bei LinkedIn zu machen. Auf dem asozialsten aller asozialen Medien, auf X, hat er zu seinem Amtsantritt nur „Hello“ gepostet. Hoffentlich bleibt es dabei, allein es fehlt der Glaube.

Übrigens bleibt Cook als Verwaltungsratschef an Bord und pflegt künftig die Regierungsbeziehungen — er übernimmt die Rolle, in der man Präsidenten Geschenke überreicht.

Eine wesentliche Frage bleibt jedoch: Apples größtes Problem heißt Software. Apple antwortet mit einem Hardwaremann. Typisch für einen Konzern, dessen wirtschaftlicher Erfolg noch immer bei aller Diversifizierung am iPhone und anderer Hardware hängt?

Siri AI: nur auf Englisch, nur mit Umstellung

Nun gab es also wieder das jährliche, durchgestylte September-Event. Und wieder wurde „The Next Big Thing“ irgendwie – auch von Ternus – beschworen. Das soll das iPhone Duo sein: aufgefaltet 7,6 Zoll, das dünnste iPhone bisher, entriegelt per Touch ID statt Face ID, kein Teleobjektiv. Preis: 2.299 Euro. Für diejenigen, die auf Fotografie Wert legen, die schlechtere Wahl im Vergleich zum 850 Euro günstigeren iPhone 18 Pro. Wir beide fanden den Preis krass, den Vorteil, komfortabel lesen zu können, nicht so schlagend, dass wir dieses Geld ausgeben würden.

Dazu der Markt: Die Auslieferungen von Falt-Handys sanken im ersten Halbjahr 2026 weltweit um 15 Prozent, Huawei verkauft jedes zweite Gerät dieser Bauart. Apple steigt ganz oben in eine schrumpfende Nische ein. Auch das 18 Pro wird teurer, 1.449 Euro, plus 150. Dafür gibt es eine mechanisch variable Blende und den A20 Pro aus 2-Nanometer-Fertigung. Den Aufschlag begründet die Knappheit bei Speicherchips – bezahlen könnte Apple sie aus der eigenen Marge, beim MacBook Neo hat der Konzern genau das getan. Hier nicht.

Natürlich war auch Siri AI Thema auf dem Apple-Event. Theoretisch läuft es jetzt auch auf meinem MacBook, auf dem ich macOS 27 Golden Gate als Betriebssystem installiert habe. Allerdings müsste ich Sprache und Region auf US-amerikanisch umstellen. Grund dafür ist die EU-Regulierung: Offiziell ist Siri AI hier wegen des Digital Markets Act derzeit nicht verfügbar – genau wie iPhone Mirroring, auf das Lars sehnsüchtig wartet, warum auch immer. Das lasse ich erst einmal bleiben. Zudem haben mich die ersten Testberichte nicht überzeugt. Die deutsche Version erwarten Beobachter nicht vor 2027. Technisch setzt Siri AI auf Googles Gemini auf, abgeschirmt in einer Apple-eigenen Cloud.

Parallel änderte Apple mit macOS 27 die iCloud-Bedingungen; Berichte nennen Kontingente für KI-Rechenleistung, jenseits derer ein Abo fällig wird. Belegt ist das nicht, beobachtet schon. Europa zahlt den vollen Hardwarepreis und wartet auf die Intelligenz.

Die Uhr hört mit — und das Training läuft

Und wie gewohnt wurde auch eine neue Apple Watch vorgestellt. Die Series 12 bringt Live Rewind und Siri Recap. Die Uhr transkribiert auf Knopfdruck die letzten 15 Sekunden. Siri Recap fasst Umgebungsgespräche zusammen. Apple argumentiert: kein Audio wird gespeichert, das Rohsignal bleibt in der Secure Exclave des S11-Chips, die Zusammenfassungen löschen sich nach sieben Tagen, ein Signalton auch im Lautlosmodus – und man muss die Funktion explizit einschalten, also ein ausdrückliches Opt-in.

Das ist mehr, als jeder Wettbewerber bietet, beantwortet aber nicht die wichtige Frage. Ich stimme auf meiner Watch zu — mein Gegenüber jedoch nicht. Im Café, beim Arzt, im Beratungsgespräch. Lars hielt dagegen: Jedes Handy kann aufnehmen, auch unbemerkt. Das stimmt. Nur hat eine Apple Watch eine andere Verbreitung als ein Diktiergerät, und niemand legt sein iPhone beim Gespräch aufs Handgelenk.

Ich bin seit Jahren ein aktiver Nutzer der Fitness- und Health-Funktionen der Apple Watch. Seit rund einem Jahr nutze ich eine Series 11, da meine Apple Watch 7 im Urlaub kaputtgegangen ist und nicht mehr „wiederbelebt“ werden konnte. Die neue Watch hat nun den neuen S11-Chip mit einem überarbeiteten System zur Gesundheitserkennung verbaut. Die Uhr misst die Herzfrequenz im Hintergrund alle fünf Sekunden statt alle fünf Minuten, also 60-mal häufiger, die Herzfrequenzvariabilität bis zu 24-mal häufiger. Die Vitalzeichen-App zeigt neu die HFV bei Erholung, ein aussagekräftiger Wert für Stress und Regeneration. Darauf baut die Funktion „Tagesform“ auf: Aus Aktivität, Trainingsbelastung, Vitalwerten und Schlafqualität errechnet die Uhr morgens einen Wert von 0 bis 10 samt Empfehlung, ob Training oder Erholung angesagt ist.

Soll ich wegen dieser Funktionen umsteigen? Alles medizinisch Relevante habe ich schon: EKG, Blutsauerstoff, Schlafindex, Schlafapnoe- und Bluthochdruckmitteilungen, Temperaturerkennung. Das ist bei Series 11 und 12 identisch. Neu sind ausschließlich die dichtere Sensorik und die Tagesform — und die lässt sich nicht per Software nachliefern, dafür braucht es die neue Hardware. Die kostet aber in der Version mit GPS und Telefon 619 €. Wenn ich meine Series 11 in Zahlung geben will, werden vergleichsweise lächerliche 200 Euro geboten – für eine ein Jahr alte Watch. Ich werde es also wohl sein lassen.

Und dann ist da der Punkt, der mich sehr ärgert. Mit iOS 27 gibt es eine neue Einstellung namens „Siri & Apple Intelligence verbessern“. Wer sie aktiviert, erlaubt Apple, Audio und Text aus Siri, der Diktierfunktion, der Übersetzen-App und dem Gesprächsverlauf der Siri-App zu sammeln, zu speichern und zu prüfen.

Ja, auch das ist ein Opt-in. Aber Apple hatte jahrelang ausdrücklich versprochen, niemals persönliche Nutzerdaten zum Training zu verwenden. Dieses Versprechen ist gefallen. TechAltar bringt in seinem Video „The always-listening Apple Watch“ zusammen, was daraus folgt: Eine Uhr, die dauerhaft mithört und transkribiert, sei rechtlich fragwürdig und als Funktion kaum von Spyware zu unterscheiden.

Genau das bereitet mir Sorgen. Apples Argument war immer die Architektur — lokale Verarbeitung, Secure Exclave, kein gespeichertes Audio. Sobald der Konzern beginnt, echte Sprachdaten für das Training einzusammeln, ist es kein Privacy First mehr, sondern eine Einstellung, die sich ändern lässt. Und Einstellungen und CEOs ändern sich.

Hinzu kommt, dass Apple seine KI nachweislich auf RedPajama trainiert hat – und RedPajama enthält Books3, eine Sammlung raubkopierter Bücher. Apple hat das im eigenen OpenELM-Papier dokumentiert. Autoren klagen. Apple ruiniert gerade seinen Ruf rund um Datenschutz: „Bei Apple sind wir überzeugt, dass Datenschutz ein grund­legendes Menschenrecht ist.“ 2019 habe ich damals Tim Cook noch verteidigt, als der mehr Datenschutz und Data Broker forderte.

Souveränität heißt wechseln können

Bei #9vor9 haben wir uns die Frage gestellt, welche Gründe es gibt, bei Apple zu bleiben. Für mich lässt sich die Frage leicht beantworten: Ich komme so schnell nicht weg, wenn ich in meiner Familie in einem homogenen Ökosystem mit MacBooks, iPhones, Watch, HomePods, Home Automation und CarPlay arbeite. Wer die Integration der Komponenten will und Support für die Familie leisten muss, kommt so schnell nicht aus diesem goldenen Käfig heraus. Das ist die bittere Wahrheit. Apple war für mich immer die am wenigsten schlimme Variante.

Lars sagte, er habe Apple vertraut, anders mit seinen Daten umzugehen als Meta oder Google. Ich auch, und ich habe es hier im Blog jahrelang so geschrieben. Wenn dieses Vertrauen bröckelt, bleibt ein Ökosystem ohne Ausgang. Digitale Souveränität heißt nicht, den am wenigsten schlimmen Anbieter zu wählen. Sie heißt, ihn verlassen zu können.

Quellen & Leseempfehlungen

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