Die vergangenen Tage haben mir zwei Politiker Mut gemacht. Das kommt leider selten genug vor, also schreibe ich es auf, genauso wie die starken Äußerungen von Jürgen Klopp und Hape Kerkeling. Wir brauchen Typen, die demokratische Klartext reden und die entsprechende Haltung zeigen. Zurück zu den beiden Politikern: Der eine ist Sozialdemokrat, der andere Christdemokrat. Beide haben gezeigt, dass man in der Politik noch Haltung zeigen kann, ohne vorher drei Berater und eine Umfrage zu fragen.
Pistorius auf der Getränkekiste
Am Dienstag, dem 6. Oktober, wählte der Landtag in Magdeburg mit Tobias Rausch erstmals einen AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten. In geheimer Wahl bekam er vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen im Landtag haben. Irgendwer aus den anderen Fraktionen – Beobachter vermuten aus der CDU – hat also mitgemacht. Am Abend zog die SPD-Bundestagsfraktion vom Bundestag durchs Brandenburger Tor zum Bebelplatz, viele mit dem Grundgesetz in der Hand. Der Ort ist mit Absicht gewählt: Dort verbrannten die Nazis 1933 Bücher.
Boris Pistorius stieg auf eine Kiste und setzt, wie Robert Pausch es in der ZEIT formuliert, ein Signal, auf das viele lange gewartet haben: „Wer das zugelassen hat, hat sich an der Demokratie unseres großartigen Landes vergangen.“ An anderer Stelle sprach er davon, dass Demokraten den Faschisten als „Steigbügelhalter“ gedient hätten. Dann stimmte er die Nationalhymne an.
Endlich mal ein Sozi, der Klartext redet. Kein Gremiendeutsch, kein „wir müssen jetzt genau hinschauen“. Die üblichen Portale von rechts schäumen seither, und auch manche Kommentatoren finden die Hymne zu viel Pathos. Zu viel Pathos? Übertrieben? Nein. Für mich als überzeugten Demokraten und Europäer nicht. Wer die Nationalhymne den Rechtsextremen überlässt, hat schon verloren. Zu viel Pathos? Übertrieben? Nein. Für mich als überzeugten Demokraten und Europäer nicht.
Die Kombination aus einem zentristisch-vernünftigen Politikangebot, glasklarem Antifaschismus und niedersächsischer Kernigkeit könnte schon genügen, um mittige Wähler in großer Stückzahl zur SPD zu bewegen.
Quelle: SPD-Bundestagsfraktion: Ein Moment mit historischer Wucht – und Boris Pistorius erkennt ihn | Robert Pausch | DIE ZEIT
Günther legt sich mit der eigenen Partei an
Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther hat mich die Tage erneut überrascht und übertzeugt. Anfang Oktober schrieb er einen Brief an Kanzler Friedrich Merz und nahm darin die Energiepolitik von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auseinander, beide aus seiner CDU. Die geplante Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und das Netzpaket könnten laut Günther Deutschland und Schleswig-Holstein schaden. Er zeigt klare Kante gegen die Lobbyministerin und einen Kanzler, der nur den Wirtschaftsflügel der CDU repräsentiert. Jede Windkraftanlage und jedes Solardach macht uns ein Stück unabhängiger von Gas aus dem Ausland. Wer über europäische Souveränität redet, muss auch über Energie reden. Günther hat das verstanden. Seine Ministerin in Berlin offenbar nicht.
Ein Ministerpräsident singt die Ärzte
Am Donnerstagabend saß Günther dann bei Ina Müller in „Inas Nacht“. Ohne Begleitung stimmte er „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten an, und die Kneipe sang mit. Kommentar des Ministerpräsidenten: „Also, ich kann auch Niveau.“ Großartig!
Das passt zu dem, was Günther schon im Frühjahr getan hat. Als erster Ministerpräsident übernahm er die Schirmherrschaft für alle rund 20 Christopher Street Days in Schleswig-Holstein. Seine Begründung: „Wer Menschen aufgrund ihrer Identität angreift, greift unsere Gesellschaft als Ganzes an.“ Die taz nannte das treffend ein Signal vom mittelalten, weißen Hetero-Mann. Während in Berlin die Regenbogenfahne nicht aufs Reichstagsdach darf, stellt sich ein CDU-Mann aus Kiel an die Seite der queeren Community. Fritze Merz auf einem CSD? Unvorstellbar.
Mut heißt, etwas zu riskieren
Was verbindet einen niedersächsischen Sozialdemokraten und einen Christdemokraten aus Kiel? Beide riskieren etwas. Pistorius riskiert Spott und den Vorwurf der Inszenierung. Günther riskiert Ärger mit seinem Kanzler, seiner Ministerin und einem Teil der eigenen Partei. Beide könnten bequemer leben, wenn sie schwiegen. Sie tun es nicht.
Ich habe in den vergangenen Monaten oft über Politik geschimpft, auch hier im Blog. Deshalb muss auch einmal gesagt werden, wenn jemand den Mund aufmacht. Dieser Tage waren es zwei. Mehr davon, bitte.
Quellen & Leseempfehlungen
- Nach Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten: SPD-Fraktion versammelt sich zu spontanem Protestmarsch in Berlin — dpa, Stuttgarter Zeitung, 06.10.2026
- Erster AfD-Landtagspräsident: Vier Stimmen zu viel – SPD sieht „Tabubruch“ — Heidelberg24, 07.10.2026
- Pistorius hat Bedenken gegen Regierung mit Berliner Linken — dpa, Volksstimme, 09.10.2026
- Brief an Merz: Günther „hochgradig irritiert“ über Reiches Energiepolitik — t-online, 06.10.2026
- CDU-Ministerpräsident Günther stellt sich in Energiepolitik gegen Reiche — Reuters, onvista, 05.10.2026
- Energie: Netzpaket und EEG-Reformpläne von Reiche stoßen auf Kritik — Handelsblatt, 07.10.2026
- Günther stellt sich gegen Reiches Energiepolitik — nd, 08.10.2026
- „Inas Nacht“: CDU-Politiker Daniel Günther singt Schlager-Hit — t-online, 10.10.2026
- Daniel Günther singt Anti-Nazi-Song bei „Inas Nacht“ — t-online Hamburg, 09.10.2026
- Daniel Günther ist CSD-Schirmherr: Signal vom mittelalten, weißen Hetero-Mann — Esther Geißlinger, taz, 18.05.2026


Ich freue mich über jeden Kommentar. Aus bekannten Gründen gebe ich ihn aber manuell frei. Also ein Moment Geduld. Danke.