Collage: Vom grauen Büro mit Papierstapel zum grünen KI-Gehirn, darüber eine Cloud mit Symbolen für Europa, USA und China.

Richtung stimmt, Tempo nicht: KI am Arbeitsplatz, zehn Jahre später

Im Jahr 2016 habe ich auf diesem Blog viel über kognitive Assistenten, Informationsflut und die Zukunft des Arbeitsplatzes geschrieben. #TenYearsAfter: Zehn Jahre später ist ein Abgleich interessant. Fünf Thesen und „digitale Schmerzen“ von damals, daneben der Stand heute. Meine Bilanz vorweg: Die Richtung stimmte, die Gewinner nicht, und der große Produktivitätssprung ist bislang nicht belegt.

These 1: Der Assistent ist gekommen – nur der Anbieter ist ein anderer

2016: Auf der IBM Connect in Orlando sah ich, wie Watson E-Mails nach Wichtigkeit sortiert, Aufgaben in der Nachricht markiert, Termine vorschlägt und Doppelbuchungen im Kalender meldet. Mein Fazit im Beitrag IBM Connect 2016: „Diese Art der intelligenten, kontextsensitiven, persönlichen Assistenz kann und wird ein wahrer Game Changer sein und hat das Potential, die Karten auf dem Markt für Business E-Mail neu zu mischen.“ Im Juni beschrieb ich in Schlauer Arbeiten den Büroalltag als bremsendes Mikromanagement und wollte, dass ein kognitives System Routinetätigkeiten übernimmt. Im Idealfall sei es „ein persönlicher Assistent und Experte, der mir bei meiner täglichen Arbeit hilft“.

Heute: Den Assistenten gibt es, aber er kommt nicht von meinem damaligen Arbeitgeber. And the winner is (zumindest im Moment): Microsoft 365 Copilot hat über 20 Millionen zahlende Nutzer (Börse Express, 02.05.2026). Von Watson als Kollege am Arbeitsplatz spricht niemand mehr. Copilot bietet einige der Funktionen, die ich oben beschrieben habe, und ist nach meinen Praxiserfahrungen an einigen Stellen durchaus hilfreich. Dazu gehört für mich beispielsweise, dass die KI meine in deutscher Direktheit verfassten Mails in eine Sprache umformuliert, die US-Amerikanern genehm ist. Nur ein Beispiel, es gibt viele andere. Es sieht so aus, als ob Microsoft auch dieses Segment im Office-Markt beherrschen wird, auch wenn Anbieter wie Anthropic und andere mit Integrationen in die Microsoft-Office-Produkte nachziehen.

Auch der Alltags-Assistent in der Hosentasche hat den Anbieter gewechselt: Die Siri, die 2016 mein Hessisch nicht verstand, soll nach Googles Bestätigung vom 22.04.2026 durch Gemini besser werden (Juli Clover, MacRumors) und in iOS 27 zum Chatbot mit eigener App (Jason Cross, Macworld, 25.03.2026). Ich bin gespannt, wie gut das funktionieren wird. Ich ahne allerdings, dass ich auf meinem iPhone 13 Pro wohl vergeblich darauf warten werde und erst mit einem neuen Modell in den „Genuss“ von Siri AI komme. Oder muss ich schon Siri Super Intelligence sagen?

Festzuhalten bleibt: Meine Prognose, dass kognitive Assistenten kommen, stimmte.

These 2: Die Informationsflut ist nicht kleiner geworden

2016: Die Informationsflut war der Kern des Problems. In Immer mehr Informationen, immer mehr Kanäle schrieb ich: „Wir lassen die Anwender im Regen stehen. Oder besser wir lassen die Mitarbeiter in ihren E-Mails ersaufen.“ Damit nicht genug: Zu Mail kamen Chat, soziale Netzwerke und Apps, die Mitarbeiter an der IT vorbei nutzten. Ich forderte KI als Hilfe, aber nicht allein: Disziplin und Kommunikationsetikette seien ebenso nötig. Im FOMO-Beitrag schrieb ich, ich hätte die meisten Benachrichtigungen auf der Apple Watch abgeschaltet. (Ist auch heute noch so.)

Heute: Mit den Unterbrechungen ist es nicht besser geworden. Der Microsoft Work Trend Index vom Juni 2025 nennt im Schnitt eine Unterbrechung alle zwei Minuten, das sind 275 pro Tag, dazu 117 Mails und 153 Teams-Nachrichten pro Mitarbeiter und Tag (Microsoft, 17.06.2025). Die Daten stammen aus Microsoft-365-Nutzungssignalen bis Februar 2025 und aus einer Befragung von 31.000 Wissensarbeitenden in 31 Märkten.

Es ist eine Herstellerstudie, die natürlich den eigenen Assistenten als Lösung empfiehlt; der Befund passt aber zu dem, was ich 2016 beschrieben habe. Neu gegenüber damals sind die Kanäle: Teams-Chat hat die Mail nicht abgelöst, sondern ergänzt. Die Orientierung, die ich 2016 forderte, fehlt weiter; die Zahlen sprechen eher für mehr Rauschen als für weniger. Immerhin werden Meetings unterdessen transkribiert und ein Protokoll oder die wichtigsten Aussagen in einer E-Mail können herausgezogen werden. Ist doch schon mal etwas.

These 3: KI spart Zeit – ob sie die Produktivität hebt, ist offen

2016: In Schlauer Arbeiten schrieb ich aus Frust: „Seitdem es E-Mail gibt, haben wir keine wirkliche Innovation beim ‚Bearbeiten‘ am Büroarbeitsplatz gesehen.“ Nach einer Unterbrechung brauche man laut Experten 15 bis 20 Minuten, um wieder in den Arbeitsfluss zu finden. Die Hoffnung war eine „spürbare Entlastung“ durch kognitive Systeme, verbunden mit der Warnung, dass ein Arbeitsethos dazugehöre, das Feierabend und flexible Pausen beachtet. Eine Prozentzahl für den möglichen Produktivitätsgewinn nannte ich nicht.

Heute: Gemessen wird bislang wenig von dieser Entlastung. Die EZB hat im August 2026 ihre monatliche Verbraucherumfrage mit rund 20.000 Befragten in elf Euro-Ländern ausgewertet (EZB-Blog, 26.08.2026). Der Anteil der Beschäftigten, die KI bei der Arbeit nutzen, stieg von 26 % (2024) über 41 % (2025) auf 52 % (2026). Wer sie nutzt, spart im Median etwa drei Stunden pro Woche, rund 7,7 % der Arbeitszeit.

Doch nur 48,8 % der Beschäftigten berichten überhaupt von Zeitersparnis; auf die gesamte Wirtschaft gerechnet bleiben etwa 3,8 %. Für das Produktivitätswachstum schätzt die Literatur laut EZB zusätzlich 0,1 bis 3,4 % pro Jahr über zehn Jahre. Der Anteil der Beschäftigten mit positiver Einschätzung von KI sank von 43 % auf 41 %. Das sind Selbstauskunft und Schätzungen, keine Messung.

Dänemark und Euroraum passen zusammen, wenn man genau hinsieht. Die größte Untersuchung mit Registerdaten kommt aus Dänemark: Humlum und Vestergaard befragten 2023 und 2024 Beschäftigte aus rund 7.000 Betrieben in elf KI-nahen Berufen und verknüpften die Antworten mit Verwaltungsdaten (Working Paper, Mai 2025). Die dänischen Daten liegen mit 2,8 % Zeitersparnis in derselben Größenordnung wie die EZB-Rechnung von etwa 3,8 % für die gesamte Wirtschaft (andere Länder, Methoden und Zeiträume, also nur ein Vergleich der Größenordnung).

Die Technik hat also Zeit gespart, aber nicht in dem Maße, wie ich es 2016 erhofft habe: Aus freier Zeit ist bislang kein messbarer Mehrwert geworden. Befragungen unter Nutzern fallen deutlich positiver aus, sind aber eben Selbstauskünfte.

These 4: Kein Massenverlust von Jobs, aber Sorgen bei den Jungen

2016: Zu Jahresbeginn 2016 zitierte ich die IAB-Studie 2015: Nur 0,4 % der Beschäftigten arbeiteten in Berufen, die komplett durch KI verschwinden könnten, 15 % in Berufen, in denen mehr als 70 % der Tätigkeiten ersetzbar wären. Im Beitrag Das intelligente Unternehmen schrieb ich: „Auch werden einige Jobs sicher ersetzt werden.“ Entscheidend sei, die Einführung „human“ zu gestalten. Meine größere Sorge galt dem Missbrauch: „Ich habe viel mehr Angst vor skrupellosen Menschen, die die Maschinen und Technologien ge-brauchen und miss-brauchen.“

Heute: Ganz aktuell sieht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) keinen nennenswerten Stellenabbau durch KI. In Berufen, in denen KI besonders viele Tätigkeiten übernehmen könnte, entwickelte sich die Beschäftigung von 2022 bis 2025 sogar besser als in weniger betroffenen Jobs. Die schwache Konjunktur schade jungen Jobsuchenden mehr als KI, der negative Zusammenhang mit der Rezession sei mehr als doppelt so stark (IAB-Forum; ZEIT ONLINE, 13.10.2026).

Trotzdem stehe ich zu meiner Beobachtung und Einordnung von 2016. Jobs mit hohem Routineanteil sind am ehesten betroffen. 38 % der Beschäftigten arbeiteten 2022 in Berufen mit über 70 % ersetzbaren Tätigkeiten, so der IAB-Kurzbericht 5/2024. Und Routinetätigkeiten, von denen ich den Menschen 2016 entlasten wollte, sind oft genau die Aufgaben, mit denen Berufseinsteiger üblicherweise anfangen. Aus meiner Sicht ist die Sorge plausibel, dass Routineaufgaben von Einsteigern als Erstes automatisiert werden. Das ist eine Erwartung, noch kein Messergebnis.

Es gibt allerdings durchaus die Erwartung, dass KI Aufgaben übernimmt, zur Linderung des Fachkräftemangels beiträgt und den Abgang der vielen Baby-Boomer abfängt, die nun in Rente gehen. Nicht nur in der freien Wirtschaft, auch in der öffentlichen Verwaltung hofft man darauf, deren Arbeit durch Digitalisierung erledigen zu lassen. Und welche Technologie steht immer mehr hinter der Digitalisierung?

Der Bitkom berichtet über Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von 604 Unternehmen (Anfang 2026), in der 19 Prozent angaben, wegen KI Stellen abgebaut zu haben. Die Pressemitteilung nennt die Bezugsgruppe nicht ausdrücklich, und „Stellen abgebaut“ ist nicht gleichbedeutend mit Entlassungen. Einer weiteren Meldung des Bitkom zufolge nehmen 22 Prozent der befragten Beschäftigten wahr, dass in ihrem Unternehmen wegen KI Stellen nicht mehr nachbesetzt oder abgebaut werden. Das ist eine Wahrnehmung, keine Betriebsstatistik.

Angst und Unsicherheit bleiben: 34 Prozent der Wahlberechtigten sind besorgt, ihren eigenen Job an KI zu verlieren (YouGov/dpa, August 2025). Eine Civey-Umfrage vom Herbst 2026 zeigt, wie ungleich das verteilt ist: Unter den 18- bis 29-Jährigen hat fast jeder Dritte große Sorge um den aktuellen Job (32 Prozent), bei den 50- bis 64-Jährigen sind es 8 Prozent. Bei meiner damaligen ZEIT-Umfrage hatten 56 Prozent keine Angst. Im Aggregat ist der Massenverlust, vor dem ich 2016 gewarnt wurde, nicht eingetreten. Die Furcht ist vor allem bei den Jungen geblieben.

These 5: Das Wissen fließt weiter zu den Plattformen

2016: In Fremd-Bloggerei schrieb ich, ohne Chatbots und KI werde es nicht mehr gehen, aber: „Das Wissen muss beim Anwenderunternehmen bleiben und darf nicht in den Knowledge Graphen des KI-Anbieters übergehen.“ In Ich gebe Dir meine Daten schrieb ich: „Auch im Internet ist nichts umsonst. Wir zahlen mit unseren Daten.“ Europäische Anbieter spielten kaum eine Rolle, die Entwicklung sei „schlicht verschlafen“ worden. Mit Blick auf Microsoft und den LinkedIn-Kauf warnte ich vor einer weiteren „Datenkrake“ im Unternehmensumfeld.

Heute: Die Frage nach dem Wissen wird drängender, weil der KI-Assistent nun direkt am Arbeitsplatz sitzt. Laut Bitkom berichten 8 % der Unternehmen von weit verbreiteter Nutzung privater KI-Tools durch Beschäftigte (2024: 4 %), 17 % von Einzelfällen (2024: 13 %), weitere 17 % vermuten sie; erst 23 % haben Regeln für den KI-Einsatz (2024: 15 %), und 26 % stellen Zugang zu generativer KI bereit (Bitkom, 21.10.2025; Befragung von 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, Sommer 2025).

Wer keinen Zugang bekommt, nutzt nicht freigegebene, kommerzielle Werkzeuge wie ChatGPT oder Claude und gibt dadurch Wissen aus dem Unternehmen heraus, etwas, vor dem ich 2016 schon gewarnt habe. Gerade im Bereich KI scheint es wieder eine Schatten-IT zu geben. Man geht schnell einmal auf die ChatGPT-Seite, um eine Aufgabe zu lösen – ohne an die Konsequenzen für die Daten des Unternehmens zu denken. Das von mir 2016 beschriebene Problem bleibt also bestehen.

Erschwerend hinzu kommt die Abhängigkeit von wenigen Anbietern auch im Bereich KI. Markus Beckedahl sagte im Januar 2026: „Wir haben das Problem, dass wir überhaupt nicht digital souverän sind“ (zdfheute, 28.01.2026).

Fazit: Richtung richtig, Tempo falsch, Souveränität offen

#TenYearsAfter, zehn Jahre später sieht meine Bilanz so aus: In der Richtung lag ich richtig, beim Tempo nicht – und das, obwohl die Large Language Models und der Hype um ChatGPT einiges beschleunigt haben. Die kognitiven Assistenten sind gekommen, erwartungsgemäß nicht von meinem damaligen Arbeitgeber.

Die Informationsflut haben die Assistenten nicht wirklich gebremst; die Zahl der Unterbrechungen spricht eher für mehr Rauschen als für weniger. Die Entlastung, die ich mir 2016 erhofft hatte, ist messbar, aber klein: Nutzer sparen im Schnitt wenige Stunden pro Woche, über die ganze Wirtschaft gerechnet bleiben nach EZB-Zahlen knapp vier Prozent Zeiteinsparung.

Meine Entwarnung hat sich bisher bestätigt: Einen massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen hat es nicht gegeben, das IAB sieht keinen nennenswerten Stellenabbau durch KI. Auch mein Satz „Einige Jobs werden sicher ersetzt“ ist im Aggregat noch nicht eingetreten.

Das Thema Wissenstransfer bleibt wie schon damals bemerkt akut. Die großen KI-Konzerne ziehen das Wissen überall ab, wo sie es bekommen können. Alte Bücher, verfügbare Online-Bibliotheken und auch urheberrechtsgeschützte Quellen werden ausgesaugt. KI-Agenten, die in geschützte Bereiche eindringen, sorgen derzeit für zusätzliche Besorgnis.

Zwar gibt es unterdessen Modelle, die das Unternehmens- oder Verwaltungs-Know-how angeblich in der Firma oder der Behörde lassen, aber durch private Nutzung und Schatten-IT fließen viele Informationen weiter zu den Plattformen. Und die sitzen bekanntlich mehrheitlich in den USA und China. Arthur Mensch, Chef des französischen KI-Unternehmens Mistral, gibt Europa noch eine Karenzzeit von etwa zwei Jahren, um eine eigenständige KI-Infrastruktur aufzubauen. Andernfalls fließt ein Großteil der KI- und IT-Ausgaben an US-Konzerne – ein Punkt, den ich generell unter anderem der Stadt Darmstadt ankreide. Was viele in Europa nicht zu bemerken scheinen: Es geht um digitale Souveränität, die wir in Europa nicht noch einmal verschlafen sollten, und um wirtschaftliche Investitionen, Know-how, Arbeitsplätze und Wachstumsmärkte, die in Europa bewahrt oder aufgebaut werden müssen.

Disclaimer: Ich habe 2016 für die IBM gearbeitet, die damals unter dem Namen Watson diverse Angebote rund um Künstliche Intelligenz vermarktet hat. In meinem Zuständigkeitsbereich als Marketingverantwortlicher ging es damals um KI in Collaboration- und E-Mail-Lösungen der IBM.

Für die Recherche und für den Entwurf dieses Artikels wurde KI eingesetzt.

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