Ein stilisierter, kubistisch abstrahierter Mensch steht gemeinsam mit einem grünen, technologisch ausgestatteten Haus in einem dominanten roten Käfig, dessen kräftige Farbe sofort Alarm und Kontrolle signalisiert. Der Mensch nutzt gleichzeitig Laptop und Smartphone, während ein schwarzes Apple-Logo im Vordergrund die Abhängigkeit vom Ökosystem betont. Im Hintergrund schimmert eine blasse „50“, während das SPF-Logo unten rechts einen ruhigen, markentypischen Gegenpol setzt.

50 Jahre Apple: Herzlichen Glückwunsch — und die Frage nach meinem reinen Gewissen

Heute vor genau fünfzig Jahren, am 1. April 1976, gründeten Steve Wozniak, Steve Jobs und der vergessene Ron Wayne in einer Garage in Los Altos eine Firma. Florian Harms hat das heute Morgen im t-online-Tagesanbruch wunderbar beschrieben: den Lötkolben-Magier Wozniak, den Design-Hohepriester Jobs, und den armen Ron Wayne, der seine Anteile nach zwölf Tagen für 800 Dollar verkaufte und damit das größte Geschäft der Wirtschaftsgeschichte verpasste. Fünfzig Jahre später sitze ich vor meinem MacBook hier und denke: Herzlichen Glückwunsch, Apple. Ihr habt mein digitales Leben gut im Griff. Und ich habe es euch erlaubt.

Kein Microsoft, kein Google — aber Apple überall

Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich mich seit Jahren mit digitaler Abhängigkeit und Souveränität beschäftige. Ich schreibe über Europas Abhängigkeit von US-Cloudanbietern, über Microsoft in der öffentlichen Verwaltung, über Mistral als europäische KI-Alternative. Bewusst habe ich privat einige Entscheidungen getroffen: Microsoft daheim? Brauche ich nicht und nutze ich nicht. Google? Nur ab und zu, sehr selten und mit Unbehagen. Meta? Nur reaktiv — wegen WhatsApp und weil zu viele Bekannte noch auf Facebook sind.

Doch dann schaue ich mich zu Hause um. MacBooks. iPhones. Eine Apple Watch. Drei iPhones und drei MacBooks eigentlich, die Pfeiffers sind vollständig im Ökosystem. HomePods im Arbeits- und Wohnzimmer. Meine Musiksammlung, die vor langen Jahren mit iTunes begann. Fotos und Dateien? Liegen in der iCloud (und sind auch nochmals lokal im NAS gespeichert). Gesundheitsdaten und Fitness: „powered by Apple Watch“. Apple ist tief in meinen, in unseren digitalen Alltag eingewachsen.

Meine Energiewende ist ‚managed by Apple‘

Und die Geschichte geht weiter: meine PV-Anlage auf dem Dach. Die Wallbox in der Garage. Das Elektroauto. Und die smarten Heizkörperthermostate, über die ich schon 2022 im Blog geschrieben habe — damals noch mit dem Hinweis, dass man sich in der „etwas teureren Apple Home-kompatiblen Welt“ bewegt. Genau das ist passiert, und es ist weitergegangen.

Die Energiewende der Pfeiffers läuft über das iPhone. Die App, die zeigt, wie viel Strom die Anlage gerade produziert. Die App, die den Ladestand des Autos regelt. Die App, die die Heizkörper im ganzen Haus steuert. Das ist nicht mehr Lifestyle — das ist Infrastruktur. Meine Energiewende ist „managed by Apple“. Der Fairness halber: Manches kann ich im Browser machen, vieles ist jedoch von unterwegs auf dem iPhone viel einfacher.

Das ist der Punkt, an dem mein sonst gepflegtes Narrativ von der digitalen Souveränität ins Wanken gerät. Ich kann Europa ermutigen, auf Open Source zu setzen und US-Abhängigkeiten abzubauen. Ich kann beim ZenDiS-Podcast nicken, wenn Alexander Smolianitski sagt, Souveränität bedeute, jederzeit die Möglichkeit zu haben, zu wechseln.

Kein Lock-in mehr — das ist schon Beton

Aber was ist mit mir? Ein Wechsel weg von Apple würde nicht bedeuten, ein anderes Telefon zu kaufen. Es würde bedeuten, das gesamte System neu aufzubauen — Notebooks, Mobiltelefone, Haussteuerung, Energiemanagement, Musikbibliothek, alles. Das ist kein Lock-in mehr. Das ist schon Beton.

Dabei habe ich Apple über die Jahre nicht unkritisch begleitet. Ich habe schon 2018 festgehalten, dass Apple kein „Gutkonzern“ ist und ich viel zu viel Geld für die Geräte ausgegeben habe — aber dass das Datenschutzversprechen zumindest glaubwürdiger wirkte als bei Facebook oder Google. Das stimmt immer noch, mit allen Einschränkungen.

Harms benennt es heute klar: Vordergründig verkauft Apple Datenschutz als Luxusgut und Differenzierungsmerkmal — im Hinterzimmer verteidigt der Konzern verbissen seine Bastion. „Bestes“ Beispiel: der App Store. Erst nach jahrelangem Juristenkrieg hat die EU-Kommission erreicht, dass Apple seinen App Store für Drittanbieter zu öffnen verspricht.

Apple zahlt lieber EU-Strafen, als den Walled Garden wirklich zu öffnen

Passiert ist trotzdem wenig — Millionenstrafen inklusive. Der Walled Garden steht. Apple agiert als Gralshüter und Zöllner zugleich, kassiert seinen Zehnt von den App-Entwicklern und reguliert, was ins Ökosystem darf. Die EU kämpft. Apple zahlt lieber Strafen, als wirklich aufzumachen, scheint es.

Müssen die Pfeiffers privat mit dieser Abhängigkeit leben? Im Moment: ja. Nicht nur aus Bequemlichkeit — auch aus Kostengründen und weil das Ökosystem funktioniert, weil die Integration zwischen Energieanlage, Fahrzeug und Haus tatsächlich einen realen Mehrwert liefert, und weil die Alternative kein einzelnes neues Gerät wäre, sondern ein vollständiger Systemumbau.

Das ist der eigentliche Coup, den Apple in fünfzig Jahren gelandet hat. Nicht das iPhone. Nicht der Mac. Sondern die Tatsache, dass Apple seinen Kunden das Wechseln abgewöhnt hat — nicht durch Zwang, sondern weil das Zusammenspiel einfach funktioniert. Harms nennt das den „vergoldeten Käfig“. Wir leben darin, mit unserer Heizungssteuerung, unserer PV-Anlage und unserem Auto. Und auch auf meine Apple Watch möchte ich eigentlich nicht verzichten.

Kleine Ausstiegsschritte statt Maximalforderungen

Was also tun oder habe ich getan? In vielen Bereichen nutze ich bewusst keine Apple- oder Microsoft-Produkte: Office, Mail und Kalender liegen bei mailbox.org. Ich denke über Nextcloud nach. Mal schauen. Ist das perfekt? Nein, natürlich nicht, aber es sind mögliche Schritte, die ich gegangen bin. „Genau dort spielt sich die eigentliche Debatte ab – irgendwo zwischen pragmatischen Kompromissen und kleinen Ausstiegsschritten“, habe ich geschrieben, als ich Artikel von Mike Kuketz kommentiert habe: „Fortschritt entsteht selten durch Maximalforderungen, sondern durch realistische Schritte, die im Alltag funktionieren – und durch eine Kommunikation, die erklärt, statt zu urteilen“.

Also happy Birthday, Apple. Ich gratuliere euch — und hoffe, dass durch den Druck der EU mehr Wahlmöglichkeiten geschaffen und wir Schritt für Schritt etwas unabhängiger werden können.


Digital Independence Day: Am 5. April den nächsten Schritt wagen

Wer jetzt nicht nur nicken, sondern auch handeln will, dem sei ein konkreter Termin empfohlen: Am 5. April findet der nächste Digital Independence Day (DI.DAY) statt — und der ist kein einmaliges Ereignis. Der DI.DAY findet an jedem ersten Sonntag im Monat statt und wird von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis getragen.

Einmal im Monat lädt der DI.DAY dazu ein, schrittweise zu demokratiefreundlichen digitalen Alternativen zu wechseln und digitale Abhängigkeiten abzubauen. Auf der zentralen Website di.day gibt es dafür sogenannte Wechselrezepte — einfache Anleitungen, mit denen Menschen etwa von Gmail zu Posteo, von WhatsApp zu Signal oder von Chrome zu Firefox wechseln können.

Und ja, ich weiß: Wer seine PV-Anlage und seine Heizkörper über Apple Home steuert, wird den Wechsel nicht an einem Sonntag vollziehen. Aber vielleicht ist der Messenger ein Anfang.

Fediverse-Reaktionen

Comments

2 Antworten zu „50 Jahre Apple: Herzlichen Glückwunsch — und die Frage nach meinem reinen Gewissen“

  1. @stefanpfeiffer.blog starker Beitrag! Danke für den Tipp zum Di Day, steht fest im Kalender✌

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  2. @stefanpfeiffer.blog

    Im Grunde bin ich auch in einem System gefangen. Nur daß es #Linux statt Apple ist 😉

    Alles PCs, privat und auf der Arbeit: #Debian

    Servers und Cloud: Debian

    Telefon: #Mobian von @mobian, d.h. — Debian

    Router: #OpenWRT (Linux)

    Nur meine NotSo#Smartwatch sticht heraus: #SensorWatchPro von @joeycastillo, #OpenHardware mit #FreeSoftware, aber immerhin kein Linux 🙂

    PS: Signal ist ein #walledGarden auf AWS. Lieber was föderiertes! Z.B. #Jabber/#XMPP.

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